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Russland: Öl-Gewinne brechen ein

Energie. Die Öl- und Gas-Konzerne leiden unter hohen Steuern und steigenden Kosten.

Moskau. Russlands Öl- und Gaskonzerne waren bislang die Wachstumslokomotiven der Wirtschaft, von ihnen kamen zwei Drittel der russischen Deviseneinnahmen. Doch plötzlich stottert diese „Gelddruckmaschine“.

„Wir stufen den russischen Öl- und Gassektor ab, weil wir glauben, dass die Kosten, denen russische Ölunternehmen ausgesetzt sind, sowohl von den Investoren als auch von der russischen Regierung massiv unterschätzt werden“, schreibt die Moskauer Alfa Bank in ihrem Bericht „Russische Ölindustrie – Weniger Steuern, bitte“. Ihr Fazit: „Rohölproduktion ist in Russland unprofitabel. Wir empfehlen Investoren, ihre Positionen bei russischen Ölunternehmen zu verringern.“


Schlechtes Quartalsergebnis

Die fünf größten börsennotierten Öl- und Gaskonzerne des Landes, Lukoil, Rosneft, Surgutneftegaz, Gazprom und Novatek büßten seit Jahresanfang zusammen 47 Mrd. Dollar an Börsenwert ein. Ihre kumulierte Marktkapitalisierung beträgt noch 454 Mrd. Dollar.

Die Ergebnisse für das erste Quartal 2007 wirken ebenso alles andere als erfreulich: Die Gewinne brechen weg. Die Konzerne verzeichneten Rückgänge beim Reingewinn von zwei Prozent (Novatek) bis zu 74 Prozent (Lukoil). Der Branchenführer Gazprom vermeldete eine Reduktion des Reingewinns um 43 Prozent auf 64,95 Mrd. Rubel (1,86 Mrd. Euro).


Warmer Winter

Moskauer Analysten rätseln, ob es sich nur um eine vorübergehende Schwächephase – bereits das vierte Quartal 2006 war enttäuschend – handelt oder um den Beginn einer Dauerkrise. „Eines steht fest: Der Öl- und Gassektor entwickelt sich schlechter als andere Industriezweige“, sagt der Analyst Konstantin Tschernyschow von der Bank Uralsib. „Man kann noch nicht davon sprechen, dass eine Kapitalflucht aus dem Sektor begonnen hat. Das Interesse der Investoren ist dennoch abgekühlt.“

Ein Grund für die schwachen Ergebnisse ist, wie Gazprom argumentiert, der milde Winter, der zu einem niedrigeren Erdgasverbrauch geführt habe. Doch es gibt viel gravierendere Gründe: Die Ölkonzerne sehen ihre Probleme in der Besteuerung der Energieausfuhren begründet. Exportzölle werden in Russland zweimonatlich auf der Basis des Durchschnittspreises für die russische Ölsorte Urals in den zwei Vormonaten festgelegt. Branchenintern heißt die Art der Besteuerung die „Kudrin-Schere“, benannt nach dem russischen Finanzminister Alexej Kudrin. Sie führt dazu, dass, falls der Ölpreis hoch war und nun abgestürzt ist, die Unternehmen sowohl unter niedrigen Einnahmen als auch hohen Steuern zu leiden haben. Umgekehrt führen Hochphasen zu außergewöhnlich guten Quartalsergebnissen.

Generell ist die Abgabenlast der Branche in den letzten Jahren gestiegen. Im Juni und Juli werden als Exportzoll 200,6 Dollar pro Tonne Erdöl fällig. Gazprom wehrt sich bislang erfolgreich dagegen, dass Steuern von der Öl- auf die Gasbranche verlagert werden.


Kosten explodieren

Zugleich verdoppelten sich seit 2003 die Kosten für die Ölförderung und den Transport. Dabei stehen die Milliardeninvestitionen, um neue Felder in Ostsibirien und den Schelfs zu erschließen, erst noch an. Russlands Ölproduktion wächst schon heute langsamer als vom Kreml gewünscht. Stieg die Produktion in den Jahren 2000 bis 2004 um jährlich 8,5 Prozent, schwächte sich das Förderwachstum 2005 auf 2,8 und 2006 auf gerade einmal 2,2 Prozent ab. Russland ist mit einer Fördermenge von 480 Mio. Tonnen Erdöl der zweitgrößte Ölproduzent der Welt.

Die Alfa Bank kommt in einer Analyse von 45 potenziellen Neulandprojekten zu dem Schluss, dass sich unter den heutigen Bedingungen kaum eines rechnet. „Wir glauben, dass das derzeitige Steuerregime für eine Industrie, die Neuland betreten muss, Investitionen in die Erschließung und Infrastruktur benötigt und mit steigenden Kosten bei Zulieferer und Dienstleister konfrontiert ist, auf lange Frist unzumutbar ist.“


113 Mrd. Petrodollars

Doch von Steuersenkungen ist keine Rede. Stattdessen häuft der Staat immer mehr Geld im sogenannten Stabilitätsfonds an, der sich aus Öl- und Gas-Einnahmen speist. Inzwischen ist er mit 113 Mrd. Dollar gefüllt. Eigentlich sollte das Geld für die nachfolgenden Generationen bewahrt werden. Präsident Wladimir Putin will nun stattdessen Sozialprojekte anschieben. Die Wahrscheinlichkeit, dass der Staat die Petrodollars effizient einsetzt, ist niedrig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2007)