Handkes poetische Irrfahrt

Akademietheater. Friederike Heller macht die mühsamen "Spuren der Verirrten" flott.

Peter Handkes verzettelte Alterspoesie „Die Spuren der Verirrten“, die im Februar von Claus Peymann am Berliner Ensemble als bildstarkes Hochamt für Alt-Avantgardisten uraufgeführt worden war, hat am Sonntag im Wiener Akademietheater eine Verjüngung erfahren. Raffiniert und intelligent hat Regisseurin Friederike Heller das betuliche, zum Teil hoch artifizielle Lesedrama zu einem Pop-Event gemacht. Sie scheut nicht davor zurück, den verehrten Poeten gelegentlich sogar auf den Arm zu nehmen, etwa wenn sein Text als Zauberbuch Verwendung findet, um im nächsten Moment achtlos beiseite geworfen zu werden.

Das ist gut so. Man könnte sonst selig schunkelnd in das Schlussgedicht des Werkes einstimmen und die Sechzigerjahre aufleben lassen: „Schön war die Zeit!“ Doch das lässt diese sarkastische, glatte, konzentrierte Inszenierung nicht zu. Man fragt sich vielmehr, ob es Sinn macht, solche Texte überhaupt dramatisch umzusetzen, ob sie nicht eher tauglich sind für eine besinnliche Dichterlesung.

Nicht alles muss man ausspielen

Heller hat kräftig reduziert, um die hundert Minuten Show nicht in Langeweile kippen zu lassen. Sechs Schauspieler und fünf Musiker betreten bei offener Bühne (Sabine Kohlstedt) einen schwarzen Raum mit weißen Rastern, unter heller Decke, die schwarz gerastert ist. Wo werden die Spuren gesetzt? Auf einem Flughafen vielleicht, denn links oben sind drei Monitore angebracht, die das Stück ankündigen, auf denen dann idyllische Bilder oder das Geschehen auf der Bühne zu sehen sind. Rechts hinten ein Piktogramm, die Band („Kante“ aus Hamburg) mit Klavier, Schlagzeug und Gitarren in der Mitte, vorne rechts und links die Akteure auf schwarzen Drehsesseln.

Doch vorerst agieren die hervorragenden Schauspieler nicht, sondern sind Zuseher und Vortragende, holen sich gelegentlich Requisiten aus Metallkoffern. Heller ist nicht wie Peymann in die Falle gelaufen, alles auszuspielen. Nur graduell bekommt die Aufführung dramatisches Momentum.

Bis die Federn fliegen

Worum geht es in „Spuren der Verirrten“? Um Märchen, Weltende, Schönheit, Feindschaft, Krieg – um so ziemlich alles, was bedeutungsschwer sein kann. Der Titel kommt fast am Schluss in einer rührenden Geschichte über einen verirrten Vogel vor, der offensichtlich über den Kamin in das Haus eines länger abwesenden Akteurs kam. Das Tier verendet: „Es war ein kleiner Vogel, ein Rotkehlchen. Aber was für gewaltige Spuren des Verirrten im ganzen Haus.“ Bei Heller fliegen dann die Federn, als die sechs Schauspieler auf der Suche nach der Intention des Autors schon ekstatisch über die Bühne tanzen, um dem Ganzen Sinn zu geben. Man kann es sich aussuchen – totes Rotkehlchen wie bei Stifter oder Apokalypse wie bei Johannes: „Es wird bald Krieg hier geben. Schon zu lange ist Frieden in dieser Erdgegend, viel zu lange.“ Handkes Text wimmelt von solch dräuenden Sätzen und von anmutigen Passagen, die auch ungeheuer dicht sein können – aber pure Lyrik ist, wie gesagt, nicht ausreichend fürs Brettl.

Heller jedenfalls besitzt genügend dramatisches Gespür, um die sechs Schauspieler so interessant agieren zu lassen, dass der Text nicht stört. Handkes Sätze werden zur poetischen Hintergrundmusik, Kante (Peter Thiessen, Felix Müller, Florian Dürrmann. Thomas Leboeg, Sebastian Vogel) springt immer dann ein, wenn die Luft ausgeht.

Fast wie in der Broadway Bar

Ein schöner Abend also, um sechs Charakterköpfe des Burgtheater-Ensembles bei der Arbeit zu sehen. Bibiana Zeller und Rudolf Melichar sind großartig in der Differenzierung, Philipp Hochmair übernimmt die dankbare Rolle des Clowns in einer Hauptrolle, Sachiko Hara glänzt, wenn es um Extreme geht. Sie hat in Jörg Ratjen einen energischen Widerpart. Und Petra Morzé ist so souverän, sinnlich und auch offensiv, wie man es sich nur wünschen kann. Ein Abend also, den man auch in der Broadway Bar erleben könnte: Gute Musik, intelligente Gespräche, die ins Leere laufen und eine solide illuminierte Grund-Weinerlichkeit. Es fehlte nur der Auftritt des Pop-Dichters am Schluss, um dieser poetischen Weihestunde den Segen zu geben.

Inline Flex[Faktbox] AKADEMIETHEATER: Handke("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2007)

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