Der Traum ist doch eine Wunscherfüllung: Neuropsychologe Mark Solms revidierte bei der Freud-Vorlesung 2007 psychoanalytische Ideen.
Der Traum ist eine Wunscherfüllung“, das ist der zentrale Satz der „Traumdeutung“. Sigmund Freud selbst schwächte ihn 33 Jahre später, in einer von vielen Revisionen, in einer „Neuen Vorlesung“, ab zu „Der Traum ist der Versuch einer Wunscherfüllung.“ Doch auch in dieser Form schien Freuds These spätestens ab 1977 den meisten Neurowissenschaftlern völlig obsolet.
Damals vollendete J.Alan Hobson sein „activation-synthesis-model“: Danach entstehen der unruhige REM-Schlaf – und mit ihm die Träume – durch periodische Aktivitätsschübe in einem primitiven Teil des Gehirns, der Pons. Das Großhirn versucht, das urtümliche, sinn- und inhaltslose Brodeln, das von unten zu ihm dringt, irgendwie zu deuten, etwas halbwegs Sinnvolles daraus zu synthetisieren: nichts als Schäume.
Diese Ergebnisse trugen dazu bei, dass es zuerst unter Neurologen, dann unter vielen Intellektuellen en vogue wurde, Freud, je nach Neigung, als reinen Philosophen, als Literaten oder Betrüger zu bezeichnen, in Büchern wie „Freudian Fraud“ oder „Why Freud Was Wrong“ wurde mit dem Vater der Psychoanalyse abgerechnet. „Is Freud Dead?“, fragte das Magazin „Time“ 1993.
Auch Mark Solms, Neuropsychologe in Kapstadt, London und New York, würde auf diese Frage wohl nicht mit einem todesverachtenden „Nein“ antworten. Aber er nennt gern das Ergebnis der Abstimmung nach einem Rededuell, das er 2006 bei einem Neurologen-Kongress mit J.Alan Hobson focht, in Zahlen: „2:1 für Freud.“
„Wir schulden Freud eine Entschuldigung“, konstatierte er bei der Wiener Freud-Vorlesung, die seit 34 Jahren am 6.Mai, Freuds Geburtstag, stattfindet. Und er schilderte seine Forschungen ab initio, ab der ersten großen Überraschung, die er 1997 erlebte, als er u.a. bei der Untersuchung von Patienten mit einschlägigen Hirnschäden feststellte: Ein Schaden in der Pons stoppt sehr wohl den REM-Schlaf, nicht aber die Träume. Solms' Zusammenfassung dieser und weiterer Arbeiten: Es gibt REM-Schlaf ohne Träume. Es gibt Träume ohne REM-Schlaf. Träume sind nicht das subjektive Korrelat des REM-Schlafs.
Träume entstehen an höherem Ort
Wesentlich und unabdingbar für Träume, so Solms, sind vielmehr viel „höhere“ Teile des Hirns, im Frontallappen: Bahnen, in denen Impulse über den Neurotransmitter Dopamin laufen. Werden diese Bahnen beschädigt – durch chirurgische Entfernung oder durch Medikamente –, dann träumt der Patient nicht mehr. Er halluziniert auch nicht mehr, dazu vollführte man diese Operation – als schonende Variante der Lobotomie – in den Sechzigerjahren, und ihm fehlt es an Antrieb. Wer die Dopamin-Bahnen verstärkt, etwa durch zu viel Dopa-Einnahme, erlebt zu viele Träume, vor allem Albträume.
Bei der Zusammenschau dieser Befunde muss es den (kritischen) Freudianer Solms gerissen haben: Nennt man das Dopamin-System nicht das Belohnungssystem des Hirns? Ortet man dort nicht die Begierde, das Suchen nach Reizen, die Motive? Passt das nicht wunderbar zur Freudschen Theorie, Träume seien die Erfüllung von (unbewussten) Wünschen? Ja, sagt Solms und stellt die „Minimal-Hypothese“ auf: Das träumende Hirn ist hoch motiviert und von der Realitätskontrolle befreit, aber die Motorik ist stillgelegt. Die Träume passieren statt realem motiviertem Verhalten.
Der Traum ist aber laut Freud auch Hüter des Schlafs, verhindert, dass diverse Leibreize den Schläfer wecken. Er habe zwei Patienten, deren Diagnose diese Sicht zu bestätigen scheinen, sagt Solms: Sie können wegen Ausfalls visueller Zentren nicht träumen – und wachen öfter auf.
Und wozu die Traumarbeit?
Bleibt die Frage der „Zensur“, die Freud in den Träumen walten sah. Warum die Traumarbeit, warum die Verkleidung der latenten Trauminhalte in manifesten? Schläft das Über-Ich nicht auch?
Nicht völlig, meint Solms. Es sei aber geschwächt, so falle die Zensur ziemlich roh aus. Der Traum sei auch als geschwächte Form des Denkens zu verstehen. Geradezu verzweifelte Versuche, eine Realität zu interpretieren und zugleich nicht wirklich zur Kenntnis zu nehmen, fand Solms in einem unheimlichen Fall, den er „The man who lived in a dream“ nennt und nach der Vorlesung erzählte: ein hirnoperierter Mechaniker, der den Neurologen als Mechaniker erkennen will und offensichtlich seine Krankheit bildlich begreift, als Schaden an einem Gerät. Er lebe gleichsam in einem Traum.
Inline Flex[Faktbox] „DIE TRAUMDEUTUNG“("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.05.2007)