Der Hahn, der am lautesten kräht

Das teilrenovierte Museum für Völkerkunde eröffnet mit einer prächtigen Sonderschau über Benin.

Für die Mitglieder der königlichen Familie, die am Dienstag in Wien bei der Teileröffnung des Museums für Völkerkunde Ehrengäste waren, ist völlig klar: Eigentlich gehören die 300 Objekte, die bei der Ausstellung „Benin. Könige und Rituale“ gezeigt werden, zurück in ihre westafrikanische Heimat. 1897 hatten die Briten bei einer Strafexpedition den Königspalast geplündert und anschließend zur Finanzierung derartiger Raubzüge systematisch Kultgegenstände aus Bronze und Elfenbein, Darstellungen des Hofes von Benin großteils in Europa und den USA verkauft. „Das ist eine traurige Geschichte, es handelt sich für uns auch nicht um Museumsstücke. Wir wollen mit unserem Besuch diesen Raub nicht legitimieren, sondern bewirken, dass er ständig sichtbar bleibt,“ sagte einer der hohen Gäste auf eine Frage der „Presse“.

Das Sichtbarmachen ist dem KHM-Betrieb Völkerkundemuseum bei dieser von Barbara Plankensteiner kuratierten Schau gelungen. Ab Herbst wird die Ausstellung bis Ende nächsten Jahres in Paris, Berlin und Chicago zu sehen sein – genug Gelegenheit, um das Problem der Restitution zu erörtern.

In Wien hingegen war, abgesehen von diesen heiklen postkolonialen Fragen, vor allem große Kunst aus Schwarzafrika zu bewundern. Auf 1400 Quadratmetern Sonderausstellungsraum – eine Tranche des renovierten Museums – wurde von 40 Leihgebern aus 25 Ländern zusammengeführt, was seit 110 Jahren in dieser Fülle nicht mehr zusammen war.

Bewaffnete Händler aus Portugal

Dominant sind Exponate vom 14. bis 19. Jahrhundert, aber im letzten Raum gibt es auch Zeitgenössisches zu sehen – so etwa eine sehr realistische Bronze-Plastik, die den Besuch der britischen Queen Elizabeth II. beim König von Benin darstellt. Ausführliche Beschreibungen und einige Landkarten machen mit dem exotischen Feld vertraut. Diese Schau ist leicht zu begehen und didaktisch gut aufbereitet. Die etwas dunkle Atmosphäre erzeugt einen besonderen Reiz.

Das mächtige Königreich Benin, dessen Chronologie je nach Überlieferung bis zu 800 Jahre zurückreicht und das bereits im 15. Jahrhundert Kontakt mit portugiesischen Händlern und Abenteurern hatte, brachte fantastische Figuren aus Elfenbein und Bronze (genauer gesagt mit Blei versetztes Messing) hervor. Sie hatten religiöse Funktion und erzählten zugleich die Geschichte des Landes, sie dienten in Retrospektive aber auch der Erstellung eines dynastischen Mythos im 20. Jahrhundert. Die Bronze-Reliefplatten, die Gedenkköpfe aus Gelbguss dienten der Verehrung des Herrschers, der politisches und religiöses Oberhaupt des Reiches war. In jährlichen Zeremonien wurden Rituale vollbracht, die man als entscheidend für das allgemeine Wohlergehen ansah. Die Würdenträger schmückten sich mit Insignien aus Metall, Koralle und Elfenbein, dabei war genau geregelt, was in diesem komplexen System von wem verwendet werden durfte. Wunderbar gearbeitet sind diverse Funktionsstäbe und Zeremonialschwerter, Fächer und Blashörner.

Niederländer mit seltsamen Hüten

Dutzende Köpfe von Königen und auch Königinnen, zumeist aus dem 15. bis 17. Jahrhundert, zählen zu den schönsten Objekten aus Benin, sowie ein prächtiges Paar von Leoparden-Figuren und überdimensionierte Köpfe von Riesenschlangen mit bedrohlichem Gebiss. Auf gewaltigen Stoßzähnen werden in feinst geschnitzten Elfenbein-Arbeiten ganze Epen erzählt. Es geht um die Jagd, den Krieg, Geburt, Tod und Ahnenkult. Auch die Eindringlinge aus Europa sind in Reliefs und als Einzelfiguren dargestellt – Portugiesen mit Helmen und Musketen, Niederländer mit seltsamen Hüten. Von den findigen Künstlern werden sogar Herrschaftssymbole aus dem Abendland verwendet – ein Reichsapfel aus Bronze weist darauf hin, ein Kettenhemd, das eigentlich nicht zum Kampf taugt, eine Schützenhaube aus dem 16. Jahrhundert. Ein Kreuz aus dieser Zeit deutet frühe Missionstätigkeit an. Und das interessanteste Kunstwerk? Vielleicht ein stattlicher Hahn aus dem 17. Jahrhundert. Eine Huldigung an den Chef? Nein. „Der Hahn, der am lautesten kräht“, ist immer die Chefin, die rangälteste Frau des Oba, Mutter des erstgeborenen Königssohns, die wichtigste Dame mit der steilsten Frisur. Von den Göttern in Benin ist sie hoch geschätzt.

Inline Flex[Faktbox] Benin. Könige und Rituale("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.05.2007)

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