Mit Hegel gegen die Öko-Lüge

Keine Angst vor Stoffen mit E-Nummern! Milchsäure (E270) etwa kann man nur empfehlen.

Georg Friedrich Wilhelm Hegel hat „Unsinn geschmiert wie kein Sterblicher je vor ihm“, nein, das sage nicht ich, das sagte Schopenhauer. Aber er hatte Recht, sage ich, wenn ich gerade einschlägige Kapitel aus Hegels „Naturphilosophie“ gelesen habe.

Wie bitte?, rufen Philosophen, der Mann, der in der „Phänomenologie des Geistes“ Ideen geäußert habe, für deren Verständnis die Klügsten mehrsemestrige Seminare brauchten, der soll „Unsinn geschmiert“ haben?

Das ist wirklich schwer vorstellbar, Sie haben Recht, sage ich.

Aber das geht doch nicht, werfen jetzt weitere Leser ein, ich könne doch nicht sowohl Schopenhauer als auch den Hegelianern Recht geben!

Sie haben auch Recht, sage ich.

Entschuldigen Sie die plumpe Variation des alten Witzes, aber das scheint mir die sympathischste Variante der Hegelschen Dialektik. These: irgendwie ja. Antithese: irgendwie nein. Synthese: irgendwie ja und/oder nein. Aufgehoben im dreifachen Sinn bleibt: Na ja. Das Gegenteil einer großen Wahrheit ist zwar keine große Wahrheit, das Gegenteil einer halben Wahrheit ist aber wieder eine halbe.

Diese fuzzy dialectics ist in Alltag und Politik erfolgreich, beschreibt auch das Fortschreiten der Naturwissenschaft besser als die – v.a. von Kulturwissenschaftlern nachgebetete, von ihrem Erfinder Thomas Kuhn nie so grimmig gemeinte – Formel vom Paradigmenwechsel. Unter Schlagzeilen-Dichtern und Bestseller-Autoren erfreut sie sich geringerer Sympathie: Die lieben es, den Schrei von gestern heute noch lauter zu widerrufen.

So lasen wir am Sonntag auf einem Zeitungs-Cover das große Wort „Bio-Lüge“. Der zugehörige Artikel gründete sich auf das Buch „Die 50 größten Bio-Lügen“, zur Hälfte verfasst von einem Mann, der schon Co-Autor der Bestseller „Die 50 größten Fitness-Lügen“, „Die 50 größten Diät-Lügen“ und „Die 50 größten Wein-Lügen“ war. Ein manischer Entlarver offenbar, ein Antithesen-Athlet.


Hat er Recht? Irgendwie ja. Ohne das neue Lügen-Buch studiert zu haben: Wer bisher geglaubt hat, dass „bio“ ein kürzeres Wort für „gesund“ ist, dem täte es gut zu lernen, dass manche von Schimmelpilzen (wie sie z.B. in muffigen Bioläden gut gedeihen) produzierte „natürliche“ Stoffe die Pestizide an Giftigkeit durchaus übertreffen. Dass „Bioäpfel“ nicht mehr Vitamine enthalten, wieso sollten sie? Dass man sich vor Stoffen, die E-Nummern tragen, nicht fürchten muss, Milchsäure (E270) oder Apfelsäure (E296) z.B. kann man zum Genuss empfehlen, ungelogen.

(Einer der „Bio-Lügen“-Autoren sagt dazu: „Die E-Nummern werden Sie zwar nicht krank machen, aber sie sind auch nicht gesundheitsförderlich.“ Das ist sogar mir zu fuzzy.)

Vorschlag zur Synthese: Man isst, was einem schmeckt und was das Marktamt erlaubt, produziert von fair bezahlten Menschen aus möglichst frei lebenden Tieren und nicht vergifteten Pflanzen, verkauft von Kassiererinnen, die nicht gratis Überstunden (und trotzdem ein freundliches Gesicht) machen müssen. Und zur weiteren Meditation sei ein Hegel-Wort (aus der Naturphilosophie, § 247) empfohlen: „Die Natur ist an sich, in der Idee göttlich, aber wie sie ist, entspricht ihr Sein ihrem Begriffe nicht; sie ist vielmehr der unaufgelöste Widerspruch.“

Na ja, natürlich.


thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.05.2007)

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