Der Planet wurde gerettet

Eröffnung der Wiener Festwochen: „Tanz die Toleranz!“ war das Motto: Auch sonst klang auf dem Rathausplatz viel nach den Achtzigern. Selbst der jüngste Mädchenpop.

So spätromantisch klang einst das All: Gustav Holsts Suite „Die Planeten“ (1916) hört man ja nicht gerade selten auf Erden, aber sie rührt doch immer wieder in ihrem naiv-andächtigen Pathos. Auch auf dem Wiener Rathausplatz, auch wenn dazu ziemlich unplanetarisch geschritten, gehüpft und getanzt wird.

Im „Uranus“-Satz sogar unter Aufsicht einer Hexe mit Hut, oder war es die Urania? Ein besserer Effekt: Nachdem der „Jupiter“ mächtig verklungen war, standen sie alle still, die jungen Tänzerinnen und Tänzer in ihren lässigen Pyjamas, erstarrt in ihrer Pose, wie fotografisch fixiert. Ein alter Tanztheater-Trick, gewiss, aber hier gefiel, dass sie nicht alle à la „Begnadete Körper-Kunstwerke“ synchron in der gleichen Haltung erstarrten, sondern jeder auf seine ganz eigene Art. Mögen die Ballettlehrer brummen, aber das war sympathisch. So lässt man sich das Motto „Tanz die Toleranz!“ gern illustrieren, das an sich doch etwas onkelhaft klingt.

Heute Nacht, 1982

Immerhin passte es stilistisch gut zur gesamten Anmutung des Abends: nett, lieb, gut, brav, freundlich, aber auf eine seltsam antiquarische Art. Spätestens als das nette, liebe (usw. usf.) Duo Luttenberger*Klug den zickigen Song „Heut' Nacht“ der Möchtegern-Neue-Welle-Band „Spliff“ aus dem Jahr 1982 originalgetreu interpretierte, wusste man: Wir sind schon wieder back in the eighties, und es tut fast gar nicht weh.

Entsprechend wirkten auch die weiteren Mädchen-Bands des Abends – Zweitfrau und Missy Mae – wie aus einer unschuldigen Vorzeit ins Heute gebeamt, aus einer Ära vor all den „Girlism“-Debatten, als girls noch ohne (Selbst-)Ironie just fun haben wollen durften, exaltiert und ungeniert, zu Stromlinien-Pop, den junge Herren in mehrheitlichem Schwarz ihnen zu Füßen legten.

Ebenfalls seine Heimat in den Achtzigerjahren hat das Kunsthand- bzw. -mundwerk des Bobby McFerrin. Egal ob dieser Mann zu einem Bach-Violinkonzert oder im Duo mit Hubert von Goisern oder mit sich allein jodelt, es klingt immer penetrant nach guter Laune, ärger noch: nach einem guten Onkel, der einem dazu rät, immer die gute Laune zu bewahren, come rain or shine.

Schönwetterbericht, 1977

Garniert mit McFerrins Vokal-Manierismen wurde sogar „A Remark You Made“ (1977), eine der besten Balladen Joe Zawinuls, zum platten Schönwetterbericht. Beinahe – der alte Zawinul lässt seine Melodien nicht verkommen, und er hat noch immer ein umwerfendes Rhythmusgefühl: Sein „Orient Express“ raste dahin, Respekt, das machte sogar die Vocoder-Stimme wett.

Die muss halt auch sein in den Achtzigern. Nicht ganz so tief in die Vergangenheit reiste Hubert von Goisern, sein alle Kontinente umarmendes Jodeln und sein Haider-Bashing in G'stanzl-Form (in „Iawaramoi“) wirkten nur zart anachronistisch.

Wirklich heutig war am ehesten der völlig überdrehte orientalische Herzensbrecher-Pop des exquisit seufzenden, flehenden, sich aufs Herz greifenden, türkischstämmigen Kölners Muhabbet. Künstler aus der entsprechenden Wiener Türk-Pop-Szene, – die fast ohne Beachtung durch die autochthone Bevölkerung z.B. in Ottakring blüht –, würdig zu präsentieren, das wäre etwas für zukünftige Wiener Festwochen.

Von der Eröffnung, die auch heuer mit dem sonstigen Festwochen-Programm so viel zu tun hatte wie das Hochamt mit dem Kirtag, kann man so etwas nicht erwarten. Sie schloss diesmal mit einem La-la-la-Chor namens „Our Planet“, inkl. Da capo von „A Remark You Made“ und der Beschwörung eines Traums, der wahr werden kann, wenn wir nur... Immer nur freundlich: So naiv-betulich wurde die Welt schon lange nicht mehr gerettet und/oder gefüttert und/oder vertont. Seit den Achtzigern nicht mehr.

WAS KOMMT

Wiener Festwochen: Bis 19. Juni, 41 Produktionen aus 20 Ländern, im Schauspiel gibt es einen Shakespeare-, in der Musik einen Jan¡cek-Schwerpunkt.

Highlights: Luc Bondy inszeniert „König Lear“ ab 30.Mai im Burgtheater, mit Gert Voss. Frank Castorf zeigt von 7.bis 19.Juni „Norden“ (L.-F. C©line) in der Halle E, MQ.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2007)

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