Sex Bomb für Mamas

Muttertag: Betrachtungen über ein ungeliebtes Fest von erstaunlicher Haltbarkeit.

Kann ich nicht leiden.“ „Hab überhaupt keine Beziehung dazu.“ „Muss Gott sei Dank arbeiten.“ Sonntag ist Muttertag. Eine kurze Rundfrage im Bekannten- und Freundeskreis, wie man zu diesem Fest stehe, fördert Desillusionierendes zu Tage. Ach ja, die modernen Zeiten. Viele Singles, Patchwork-Familien, Alleinerzieherinnen, Generationenkonflikte. Früher war alles besser.

Früher? Da nahm meine Mutter (1923-2000) am Muttertag mühsam gute Miene zum bösen Spiel machend am fein gedeckten Frühstückstisch Platz. Basteleien, Blumen wurden überreicht. Die Blumen verwelkten, die Basteleien wurden nie wieder gesehen. Das war's dann auch schon.

Nach Ham-and-Eggs und Tee verschwand meine Mutter eilig in der Küche, zum einen, um das Durcheinander zu beseitigen, das Mann und Tochter hinterlassen hatten, zum anderen, um das üppige Mahl für die große Patchwork-Familie zuzubereiten, die bald eintreffen würde. Patchwork-Familien gab es nämlich schon in den Sechzigern. Ebenso den Muttertags-Missmut. Nur: Warum wollen sich viele Mütter nicht feiern lassen? Weil sie zu bescheiden sind? Weil sie auch ohne Ehrentag wissen, was sie wert sind? Weil sie das ganze Jahr für die Familie da sind und es als Hohn empfinden, nur an einem einzigen Tag beachtet zu werden?

Alles merkwürdig. Freilich, der ganze Muttertag ist ein seltsames Fest. Begonnen hat damit Ann Marie Jarvis (1832-1905). Die methodistische Pastoren-Frau aus Virginia gründete „Mother's Day Working Clubs“. Sie sammelten Spenden, um die Gesundheit in den Familien zu verbessern, die hohe Kindersterblichkeit zu senken. Z. B. wurde Medizin für Tuberkulose-kranke Mütter gekauft. Tochter Anna Maria Jarvis (1864-1948), die den Muttertag im Gedenken an ihre Mutter fix etablierte, ärgerte die Kommerzialisierung, die sich in den zwanziger Jahren um den Festtag breit machte. Sie wollte ihn gar gerichtlich abschaffen lassen. Doch es war zu spät.

Der Muttertag verbreitete sich wie ein Lauffeuer in die ganze Welt. In Deutschland wurde er von den Blumenhändlern eingeführt. Schließlich vereinnahmten ihn die Nationalsozialisten. Die Mutter als Volksheldin mit Mutter-Kreuz im Dienste der germanischen Herren-Rasse. Die Realität: Je mehr Kinder, desto mehr Kanonenfutter.

Die Zeiten sind heller geworden, den Muttertag gibt es noch immer – und er treibt allerlei skurrile Blüten. Da kann man im Internet einen kompletten Hausstand vom Fußabstreifer bis zum Geschirr mit der Aufschrift „Hotel Mama“ erstehen, ein Rosen-Feuerwerk und sogar eine „Sex Bomb“ für Mütter von Beate Uhse. Was da wohl drin ist? Wird natürlich nicht verraten.

Flucht in den Klettergarten

Fertige Gedichte und SMS sind im Net zu haben: Diese Rose ist für dich, sie soll dir sagen, ich denk an dich. Die Technologie (E-Mail, SMS) mag neu sein, die Verse sind so ranzig wie eh und je. In St. Pölten kann man eine Muttertags-Wanderung unternehmen. Rüstige wählen einen Ausflug in den Klettergarten Donnerskirchen. Auf Seil-Konstruktionen in acht bis 12 Metern Höhe nervt der Ehrentag vermutlich weniger als bei Kuchen und Kaffee z. B. mit Pubertierenden, die einem womöglich längst vergessene Erziehungssünden vorhalten. Oder Sie gehen ins Museum. Unter dem Motto „Muttis machen blau“ bietet etwa das Museum moderner Kunst freien Eintritt...

Das Beste wäre, man würde den Muttertag einfach abschaffen. Für jene, die keine Beziehung zu ihrer Mutter haben, ist er eine lästige Pflicht. Jene, die ihre Mutter lieben, brauchen keinen Muttertag. Nebenbei: Das Blumenmeer für die Mamas stammt oft aus Ländern mit katastrophalen ökologischen und sozialen Verhältnissen. Aber, so zäh wie dieser Festtag ist, wird er uns natürlich erhalten bleiben und auch das gewaltige Geschäft damit. Also, Augen zu und durch.

Einziger Trost: Am Montag kräht kein Hahn mehr danach. Dann dürfen Muttis wieder in wohltuender Einsamkeit schmutzige Wäsche einsammeln, den Geschirrspüler ausräumen und den Rasen mähen...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2007)

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