„Wir haben keine zielorientierte Zuwanderung nach Österreich“

Migrationsexperte Heinz Fassmann sieht den starken Familiennachzug und mangelnde soziale Mobilität unter türkischen Zuwanderern als volkswirtschaftliche Herausforderungen.

Die Presse: Ist die Zuwanderung rein volkswirtschaftlich ein Gewinn?

Heinz Fassmann: Eine Zuwanderung, die in die Beschäftigung führt, ist positiv. Weil umso mehr Menschen in einer Volkswirtschaft erwerbstätig sind, auch umso mehr zum Bruttoinlandsprodukt beitragen. Eine Zuwanderung, die einen hohen Anteil an Familienmitgliedern enthält, ist hingegen volkswirtschaftlich weniger Vorteilhaft. Denn klarerweise fordern Kinder und nichtberufstätige Ehefrauen eine soziale Infrastruktur und auch Integrations-Infrastruktur, die der Allgemeinheit Geld kosten.

Und wie ist die Bilanz im Falle Österreichs?

Fassmann: Um diese schwierige Frage zu bewerten, wird immer wieder versucht integrationspolitische Gesamtrechnungen zu machen. Im Sinne: wie viel wird von Zuwanderern in das Sozialsystem eingezahlt und wie viel wird herausgenommen. Wenn diese Rechnungen nur aktuell bezogen sind, so sieht es so aus, als ob Zuwanderung mehr bringt. Die Zuwanderer sind in der Regel jung. Und junge Menschen zahlen mehr in die Sozialtöpfe ein, als sie herausbekommen. Aber die Zuwanderer werden auch älter und gebrechlicher. Sie haben irgendwann Anspruch auf Pensionen. Deshalb sieht die Bilanz längerfristig sicher anders aus. Aber eine präzise, eindeutige Antwort gibt es meiner Meinung nach nicht darauf, ob es sich sozusagen auszahlt. Auch deshalb, weil sich eine Gesellschaft flexibel auf mehr oder weniger Zuwanderung einstellen kann. Sie kann mit weniger Zuwanderern auskommen, wenn sie auf technische Rationalisierung setzt. Im Rückblick haben wir das deutlich gesehen: Die Ausweitung unseres nationalen Arbeitsmarktes über die Staatsgrenzen hinaus und der Import von relativ billigen Arbeitsplätzen hat immer auch eine strukturkonservierende Wirkung auf die Wirtschaft gehabt.

Trägt die höhere Arbeitslosigkeit unter den Zuwanderern auch dazu bei, dass die Bilanz nicht eindeutig positiv ist?

Fassmann: Das ist natürlich auch eine Folge davon, dass wir in den letzten Jahren eine verstärkte Familienzusammenführung hatten. Das ist die derzeit einzig relevante Quelle der Zuwanderung aus Drittstaaten mit durchaus beachtlichen Zahlen. Mit der Familienzusammenführung gibt es keine zielgenaue Zuwanderung mehr, die den Interessen des Arbeitsmarkts angepasst ist. Das ist auch der Unterschied zu den vergangenen Jahrzehnten. In den 60er und 70er Jahren war die Arbeitslosigkeit der Zuwanderer immer geringer als die der einheimischen Bevölkerung. Das hat sich in den letzten Jahrzehnten gedreht. Das ist der Preis, den wir dafür zahlen müssen, dass wir keine wirkliche nachfrageorientierte Zuwanderung mehr haben.

Wie groß ist das Volumen des Familiennachzugs?

Fassmann: Wir haben eine Zuwanderung von 100.000 bis 120.000 pro Jahr. Es gibt aber gleichzeitig eine Abwanderung. So dass der Migrationssaldo bei 40.000 bis 50.000 pro Jahr liegen. Die Hälfte bis zwei Drittel der Zuwanderung aus Drittstaaten stammt aus dem Familiennachzug. Dazu kommt noch ein beträchtlicher Anteil von einem Viertel an Asylwerber, die auch nicht arbeitsmarktorientiert angeworben werden, sondern aus Menschenrechtsgründen bleiben dürfen. Die Zahl derer, die auf die Bedürfnisse des österreichischen Arbeitsmarkts hin, gesteuert zuwandern, sind lediglich 1000 bis 5000 Personen pro Jahr. Wenn man die saisonale Zuwanderung hinzufügt sind es etwas mehr.

Warum ist die soziale Mobilität von Zuwanderern in Österreich so klein?

Fassmann: Das muss man sicher differenziert betrachten. Ausländer ist nicht gleich Ausländer. Wir haben Untersuchungen, die belegen, dass Zuwanderer aus Westeuropa überhaupt kein Problem haben, einen sozialen Aufstieg in Österreich zu erleben. Wir haben eine Zuwanderung aus dem Osten Europas mit ebenfalls einer ganz beachtlichen Aufstiegsmobilität. Das gilt mit Abstrichen auch für die Länder Ex-Jugoslawiens. Ein Problemfall ist sicher die Zuwanderung aus der Türkei. Hier ist die soziale Stabilität am untern Ende der Gesellschaft groß. Es gibt fast keinen sozialen Aufstieg. Auch die zweite Generation gerade der türkischen Zuwanderer bleiben in ihrer sozialen Schicht verhaftet.

Wo liegt der Grund dafür?

Fassmann: Ihr familiäre Hintergrund bringt keinen Aufstiegswillen mit sich. Das gehört nicht zur Sozialisation – dieses ,bitte lernt, passt Euch der deutschen Sprache an, geht aus Euren sozialen Milieus heraus.‘ Das hat oft auch mit ganz praktischen Fragen zu tun: Hat das Kind einen Lernraum, wird auch den Töchtern beigebracht, dass Bildung etwas wichtiges ist? Das hat auf der anderen Seite etwas mit der Auffanggesellschaft zu tun. Weil wir jenen, die ein Kopftuch tragen, die sich anders verhalten, signalisieren, dass sie nicht zur österreichischen Mittelschicht gehören. Möglicherweise hat es auch mit einem regionalen Kontext zu tun, dass türkische Familien vor allem in städtischen Vierteln leben, wo sie mit nichts anders konfrontiert sind als mit ihrer eigenen Gruppe.

Die Wiener Stadtregierung betont gerne, wie gut die Integration in der Bundeshauptstadt funktioniert, aber es gibt offenbar auch Defizite. Wo liegen die?

Fassmann: Wir haben zweifelsfrei hohe Konzentrationen und Ghettoisierungs-Tendenzen in Wien. Verglichen zu anderen Städten sind das aber moderate Tendenzen. Bedenklich ist, dass sie nicht ab-, sondern zunehmen. Von wem soll man Deutsch lernen, wenn der Nachbar oder der Mitschüler nicht deutschsprachig ist. Und von wem soll man lernen, wie die Normen und Werte der österreichischen Gesellschaft sind?

Ist die Lösung eine Durchmischung?

Fassmann: Ja. Der Schlüssel einer Intergrationspolitik liegt in der Verteilung der Wohnorte innerhalb der Stadt. Hier muss die Verwaltung für eine Durchmischung sorgen.

Hat die Öffnung der Gemeindebauten für Zuwanderer eine Verbesserung gebracht?

Fassmann: Das können wir noch nicht sagen, das ist noch zu kurz. Aber ich bin überzeugt, dass das langfristig eine richtige Maßnahme war. Ich will nicht sagen, dass die Gemeinde Wien untätig ist. Es gibt viele großartige Dinge, die etwa zur Aufwertung der Bezirke westlich des Gürtels beitragen, wo viele Zuwanderer leben.

Ein Problem ist allerdings die Schulsituation. Es gibt Bezirke, in denen der Anteil von nichtdeutschsprachigen Schülern äußerst hoch ist.

Fassmann: Das ist ein Problem. Die Schule ist der zentrale Lernort für die nächste Generation und für das Leben miteinander. Die Schule ist aber von den Wohnstandorten abhängig. Ich halte nichts davon, Schüler in Bussen quer durch die Stadt zu bringen, damit sie sich zwangsweise durchmischen. Die Schule kann mit zusätzlichem finanziellen und personellen Ressourcen diese unterschiedliche Verteilung teilweise kompensieren. Der Schlüssel liegt aber auch hier bei der Verteilung der Wohnstandorte.

Wird das nicht zwangsläufig dazu führen, dass Eltern vermehrt ihre Kinder lieber in eine Privatschule geben?

Fassmann: Das ist ja oft der Zynismus jener, die mit dem Finger auf andere zeigen und meinen ,Ihr seit ausländerfeindlich‘, aber die eigenen Kinder in Privatschulen schicken oder in Bezirken wohnen, wo der Ausländeranteil ein ganz geringer ist. Das führt dazu, dass es letztlich die einheimische Unterschicht ist, die hier die Auseinandersetzung mit den Zuwanderern erbringen muss.

Es gibt den Vorschlag, dass Kinder vor der Volksschule bereits die deutsche Sprache erlernen müssen. Ist die Sprache tatsächlich das zentrale Problem?

Fassmann: Die Sprache ist äußerst wichtig. Wir hatten früher die Illusion, dass die Zuwanderer so bleiben können, wie sie sind. Wir haben einen unscharfen Begriff der Diversität eingeführt, ohne klar zu sagen, was wir damit meinen. Dabei besteht kein Zweifel, dass die Sprache ein notwendiges Mittel ist, um an gesellschaftlichen Prozessen teilzunehmen. Ich halte ein verpflichtendes Vorschuljahr, in dem der Spracherwerb sichergestellt wird, für durchaus sinnvoll.

ZUR PERSON. Professor Heinz Fassmann

Geboren: 13. August 1955 in Düsseldorf

Beruf: Professor am Institut für Geografie und Regionalforschung (Universität Wien), Geschäftsführender Direktor des Instituts für Stadt- und Regionalforschung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Teilnahme an zahlreichen internationale Forschungsprojekten.

Fachgebiete: Migrationsforschung, Sozialgeografie, Regionalentwicklung. [Bruckberger]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2007)

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