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Diese Mutter ist immer für mich da

In der medialen Familien-Aufstellung ist Super-Alex für mich der bunte neue Bruder.

Ich weiß nicht, warum sich die Leute so ungemein gehässig über meinen Österreichischen Rundfunk auslassen, den ich seit dem Erwerb eines unverwüstlichen 37-Zentimeter-Röhren-Empfängers von Philips im Jahre 1983 bereitwillig finanziere. Damals war ich immerhin noch ein Student in fortgeschrittenem Semester, trug als Erster in Graz, weit vor meinem physikalischen Vorbild Joschka Fischer, schlanke weiße Nike-Schuhe und hatte keine Ahnung vom Product Placement.

Wir erlebten schöne Stunden miteinander, der ORF und ich, ob mit Bacher, Podgorski, Zeiler oder Weis – sogar mit der strengen Frau Lindner gab es fröhliche Momente. Warum sollte also diese Langzeitbeziehung ausgerechnet an meinem neuen Lebensabschnittspartner Alexander Wrabetz scheitern? Gebt uns noch ein wenig Zeit, um uns aneinander zu gewöhnen. Denn in der medialen Familienaufstellung ist Super-Alex für mich sozusagen der unerwartet aufgetauchte, bunte neue Bruder, so wie zuvor die Moni meine ältere Schwester war, – während die Anstalt bleibt, was sie seit Urzeiten ausstrahlt: die Mutter, die immer für uns da ist.

Wir wollen dieses Bild nicht überstrapazieren und unterlassen es, dass Hans mit seiner Krone unser Vater ist. Hans ist streng: „Russe steigt bei Stronach ein!“, warnt er. Das ist eine intellektuelle Herausforderung, die mir erspart bleibt, wenn ich mit meiner Anstalt kommuniziere. Wir haben eine unbelastete Beziehung.

Mutter ORF wende ich mich zu, wenn ich zu verzagt bin, um nach draußen zu gehen. Beim ORF bin ich immer daheim. Niemals würde es mir einfallen, nach Finnland zu fahren, um eine Randfigur beim Semifinale des Song Contests zu sein. Nein, ich will live dabei sein, wenn die schöne Frau aus Moldawien um ihre Quote singt und der herzige Österreicher um sein nacktes Leben. Da sitze ich in der ersten Reihe und fiebere mit. Auch der Bildungsauftrag wird befriedigt. Haben Sie gewusst, dass in manchen Gegenden Europas Schlamm-Fußball gespielt wird? Eben.

Mitten drin muss ich dort aber nicht sein. Deshalb hätte ich mir am Freitagabend auch live in ORF2 die Eröffnung der Wiener Festwochen angesehen, wenn ich nicht im Theater gewesen wäre. Das entspricht meinem Vertrag mit meiner Familien-Anstalt: In die Oper, zu den Tragödien in der Burg, zu proletarischen Freunden in der Josefstadt oder auf andere Abwege gehe ich selber. Die Bücher lese ich selber. Für die Massen-Events ist aber Mutter zuständig. Wenn Eisenbahnen entgleisen oder Gusenbauer angelobt wird oder Bobby McFerrin jodelt, greife ich zur Fernbedienung. So fern und doch so nah. Danach kommen noch der Armin oder die Marie-Claire oder die Euro-Millionen-Show, lauter alte Bekannte. Da brauch' ich kein Extrazimmer dafür. Im Übrigen bin ich der Meinung, der Vatertag gehört zerschlagen.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.05.2007)