American Football: Harte Panzer für friedliche Mission

Mit den Vikings und den Raiders stehen zwei heimische Teams im Halbfinale der Euro-Bowl. Österreich liebt einen US-Sport und Tom Smythe weiß warum.

HELSINKI. Der Song-Contest hatte es Finnland und Helsinki angetan. Tausende waren unterwegs, um das Spektakel entweder beim Public Viewing am Senatsplatz zu erleben oder um in Bars lauthals mit zu grölen. Dass Suomis Eishockey-Cracks zuvor ins WM-Finale eingezogen waren, hatte die ohnedies trinkfeste Partylaune noch zusätzlich stimuliert. Und als sich so mancher Stadtbesucher splitternackt ins Hafenbecken stürzte, lief beinahe unbemerkt das Football-Duell der Dodge Vikings gegen die Wolverines über den Kunstrasen des Finnair-Stadiums. Wien, dreifacher Euro-Bowl-Sieger, ließ zog mit 38:6 ebenso ins EFL-Halbfinale ein wie die Raiders aus Tirol (28:27 gegen Bergamo).

Da dieser Sport in Österreich auf Amateurniveau basiert, wirft der unaufhaltsame Erfolgsrun der Footballer interessante Fragen auf. Was muss geschehen, damit sich ein US-Sport so etablieren kann? Wieso schaffte Baseball in Europa nicht diesen Durchbruch? Warum ist Österreich so gut im Football?

Für US-Coach Tom Smythe, er arbeitete zehn Jahre in Wien und gilt als Mitbegründer des „Vikings-Wunder“, liegt die Sache – aus sportlicher Sicht – auf der Hand. Basketball, Football oder Eishockey würden „schnellere Wege zum Erfolg bieten“, eine Entwicklung im Baseball hingegen dauere genauso lang wie ein Spiel – ewig. Baseball sei ein „karibischer Sport“, sagt Smythe und bringt auch eine politische Komponente ins Spiel. „Amerika ist eine Supermacht, auch unser Sport steht für Überdimensionales. Für Erfolg, Freiheit, Heldentum, Geld, Attraktion und Entertainment.“ Punkte, die genug Motive geben und unterschiedliche Kulturen (Kuba, Japan) faszinieren. In Wahrheit aber, meint Smythe, hätte der US-Sport „friedlich“ die ganze Welt erobert. Denn weiterhin müssten überall US-Spieler mitspielen – als „Entwicklungshelfer“. Dass Footballer für ihre Mission in Panzer schlüpfen, tut in diesem Fall der Sache keinen Abbruch...

Zuerst Leistung, dann Fun

Zum steigenden Interesse des US-Sports in Europa hätten natürlich auch Europäer wie Dirk Nowitzki (NBA) oder Thomas Vanek (NHL) beigetragen. „Ohne Stars geht gar nichts, was wäre es für ein Sport“, fragt Smythe, „jedes Kind braucht Idole, Vorbilder – und die liefert am besten der Sport.“

Um in Österreich angehimmelt zu werden, sind aber entweder Schicksalsschläge oder Erfolg Voraussetzung. Um den Durchbruch einer exotischen Sportart zu schaffen, müssen vor allem „Jungs aus deiner Nachbarschaft“, so Smythe, dabei sein. Das sei in Österreich gelungen, auch, da enormer Idealismus aufgebracht wird und kein Geld im Spiel sei. Für den US-Sport zwar ein krasser Widerspruch, aber in Österreich nicht weiter schlimm. Mit dem Sport wuchsen Fans und Klubs „gesund“ mit. Gesättigte Millionäre gibt es ja ohnehin schon genug...

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2007)

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