"Macbeth" bei den Wiener Festwochen. Nuran David Calis hat im Volkstheater Shakespeares Totentanz zu einem langatmigen, oberflächlichen Schwank verarbeitet.
Die Geschichte des argen schottischen Wüterichs Macbeth und seiner ebenfalls schrecklich ehrgeizigen Frau ist die kürzeste unter Shakespeares großen Tragödien und eine der konsequentesten. Sie seziert den absoluten Willen zur Macht, zeigt ein brutales Traumpaar bei seinem Totentanz. Sie gehen über Leichen, sind sich ihres Treibens durchaus bewusst und selbst bald tot. Eine rasante Entwicklung hin zum Finsteren ist zu erleben.
Der junge Regisseur Nuran David Calis aber, der 2006 durch eine lärmende Inszenierung der „Räuber“ im Wiener Volkstheater aufgefallen ist, hat nun im selben Haus Macbeth zu einem langatmigen, oberflächlichen Schwank verarbeitet. Fast drei Stunden dauert das Theater, das zwischen Passagen des Brüllens oder pubertären Raufens zu Techno- und Hiphop-Klangtapeten (Vivan Bhatti) und aufdringlichem Symbolismus changiert, wenn es nicht gerade in die Peinlichkeit einer Amateuraufführung abgleitet. Die Auftritte der Hexen (Ivanka Brekalo, Jennifer Frank und Beatrice Frey) gehören in diese Kategorie. Sie wirken zuweilen nicht furchtbar, sondern furchtbar komisch in ihrem Faschings-Habitus, und das war offenbar nicht intendiert.
Wie aber schlagen sich die Protagonisten? Es ist wie verhext. Till Firit als Macbeth ist eine Fehlbesetzung, ebenso wie Heike Kretschmer als Lady. Rambo I und Rambo II stolpern durch den Blankvers. Es schmerzt, dass sie nicht in ihre Rollen finden, der Text wirkt gerade bei den Hauptfiguren nicht durchdacht, die Sätze, mit Schreien oder Murmeln vorgebracht, sind oft auch akustisch schwer verständlich.
Herumgehopse mit Sturmgewehr
Vergeigt, an einem großen Stück vergriffen hat sich Calis, der die Übertragung von Dorothea Tieck mit ein bisschen Slang von heute aufpeppen will. Das führt zu einem Dilemma: Die bösesten Wendungen des Originals versickern fast wirkungslos, die modernen Einfügungen sind nicht originell. Wenn es schon vulgär sein muss, dann sollte es so gekonnt vieldeutig sein wie bei Shakespeare. In dieser Inszenierung wirkt nicht der klassische Text altbacken, sondern das Herumgehopse der Krieger in Kampfanzügen und mit Sturmgewehren. Wahlweise beschmieren die Männer sich mit weißer oder dunkler Farbe, je nachdem offenbar, ob sie gerade die Indianer oder die Bleichgesichter sind.
Banquo (Ismail Deniz), Macduff (Marcello de Nardo), Lenox (Thomas Bauer) und Rosse (Thomas Kamper) sind vielleicht irgendwo zwischen Afghanistan und Irak auf Einsatz – sie wirken aber nur wie schlimme Schulbuben aus Bielefeld, die mal bei den Girlies herumfummeln dürfen, mal auf schwul machen oder beim Bankett eine Fahne aufrichten. Das erinnert dann an die Amerikaner in Iwo Jima, aber warum eigentlich?
Schon der Anfang ist beliebig und symptomatisch für das Ganze. Drei verhüllte Damen ganz in Weiß geleiten Lady Macbeth durch den Zuschauerraum. Sie trägt ein weißes Brautkleid, das zu der hellen, die Bühne füllenden Tonne passt, aus deren zwei Öffnungen die Agierenden auftreten, um ihre Monologe abzulaichen und die zugleich als Leinwand für Geister-Videos dient. Die Lady kommt gleich zur Sache und monologisiert über das Böse – ein misslungener Vorgriff, der den Hexenszenen und dem ersten Auftritt von Macbeth die Kraft nimmt, wie überhaupt die Inszenierung trotz aller aufgesetzter Aggression seltsam richtungslos wirkt. Auch am Schluss treten die weiß gewandeten Damen auf, eine der Vermummten hält das Königskind im Arm. Wird hier der nächste Fundamentalist herangezogen? Oder feiert man einfach nur Muttertag, nachdem die böse Hexe tot ist? – So tappen also die Figuren durchs Dunkel: Rainer Frieb als König Duncan hat verschrobene Auftritte, ehe ihn die Dolche zum Schweigen bringen. Ein wenig besser schlägt sich Peter Becker als weinerlicher Königssohn Malcom, der von Macduff ganz professionell ermordet wird. Ja, es ist zum Weinen, dieses Drama wird ein Opfer der Umstände, es ist nämlich zum Einschlafen.
Wie sagt Macbeth zu seiner Gattin? „Zu Bett! – Dass selbstgeschaffenes Graun mich quält / Ist Furcht des Neulings, dem die Übung fehlt: / Wahrlich, wir sind zu jung nur“. Wahrlich, Calis hat noch nicht genug Übung für dieses späte Shakespeare-Stück. Es eignet sich nicht zum Zerschnipseln in artige Pop-Sequenzen.
PROFIL: Der Regisseur
Nuran David Calis, geboren 1976 in Bielefeld, ist auch Autor und Video-Regisseur (z.B. für die Hiphop-Band „Massive Töne“). 2006 erhielt er einen Nestroy-Preis (Kategorie Nachwuchs für seine „Räuber“) und den Karl-Skraup-Preis.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.05.2007)