Deutsche zahlen weniger Lohnsteuer als Österreicher: So schaut's aus, Herr Bundeskanzler
Steuern runter, macht Deutsche munter: Auch Alfred Gusenbauer hat es sich, wie viele andere Ösi-Politiker auch, nicht verkneifen können, den wirtschaftspolitisch offenbar ein wenig zurück gebliebenen Nachbarn mit erhobenem Zeigefinger zu zeigen, wie man's richtig macht.
Und er hat ja irgendwie Recht: Wir haben eine niedrige KöSt, die Gruppenbesteuerung macht Unternehmen das Wirtschaften noch angenehmer und selbst wenn man bloßer Einkommensteuerzahler ist, lebt es sich steuerlich angenehmer als bei den solidaritätszuschlagsgeplagten „Piefkes“.
Sagt man. Werfen wir einmal die Brutto-Netto-Rechner an und schauen, um wie viel. Also: Ein Angestellter mit 2000 Euro brutto zahlt in Deutschland 257,50 Euro Lohnsteuer und in Österreich – Öha! – 274,34. Ein Ausreißer, sicherlich. Nehmen wir also 3000 Euro. Da nimmt der deutsche Finanzminister 552,67 Euro plus 30,40 Euro Solidaritätszuschlag. In Österreich legt man – hoppala! – 607,65 Euro ab. Na gut, also 10.000. Tja: Das kostet in Deutschland 3393 Euro Lohnsteuer und 186,62 Euro Soli-Zuschlag. In Österreich sind es aber satte 3916,40.
Bevor jetzt einer mit der Sechstel-Begünstigung kommt: Auch bei der Jahres-Steuer liegen die Deutschen immer noch besser als Österreich. Einzige Ausnahme: 1000-Euro-Mindestlohnempfänger zahlen dort ein paar Münzen, in Österreich nichts.
So schaut's aus, Herr Bundeskanzler. Vielleicht sollte man die Österreicher munter machen, bevor man im Ausland große Töne spuckt. Oder wirkt hier nur der Überschmäh des begnadetsten Selbtvermarkters, der je in der Himmelpfortgasse residiert hat, nach, der uns 2005 eine schlichte Inflationsanpassung als größte Steuerreform der Zweiten Republik angedreht hat? Und: Soll dieser Steuerschmäh gar bei der nächsten „größten Reform“ 2010 wiederholt werden?
Weil wir gerade beim „Abcashen“ sind: Das Ökosoziale Forum, ein Sammelbecken ehemaliger und aktiver Agrarier, fordert einen Ticket-Zuschlag zwischen ein und zehn Euro pro Flugschein. Mit dem Geld solle die skandalös niedrige Entwicklungshilfe Österreichs aufgemotzt werden.
Ohne jetzt auf Sinn oder Unsinn dieses Vorschlags einzugehen: Es gibt wohl keinen ernsthaften Wirtschaftsexperten, der nicht die irren Agrarsubventionen der Industriestaaten als eines der großen Entwicklungs-Probleme der Dritten Welt nennen würde. Steuer-Milliarden der reichen Länder, mit deren Hilfe afrikanische Bauern an die Wand gedumpt werden. Wäre das nicht ein lohnenderes Gebiet als das Erfinden neuer Belastungen, meine Herren? Ich meine: Falls Ihnen Entwicklungshilfe wirklich am Herzen liegt.
josef.urschitz@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.05.2007)