Niederösterreich: Gusenbauer zu Gast in der Höhle des Löwen

Der Kanzler besuchte seinen Kritiker Erwin Pröll.

St. Pölten. Es war eine Visite der besonderen Art: Der aus Niederösterreich stammende Kanzler Alfred Gusenbauer stattete am Dienstag zum Start seiner Österreich-Tour dem niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll einen Besuch in St. Pölten ab. Beide betonten dabei, natürlich großen Wert auf eine enge Zusammenarbeit zu legen.

Eine bemerkenswerte Behauptung, zumal der schwarze Landesfürst kaum eine Gelegenheit auslässt, um den roten Kanzler im schlechten Licht erstrahlen zu lassen: Pröll spricht in Zeitungsinterviews gerne über die Führungsschwäche des neuen roten Kanzlers. Pröll stellt die rote Regierungsmannschaft als wankelmütig dar und kritisiert etwa den „SPÖ-Eiertanz“ bei der Wahlrechtsreform. Und Pröll erklärt der SPÖ auch noch gleich die Ursache für ihre Probleme. Denn „wenn man allzu viel im Wahlkampf verspricht, dann wird's auch schmerzhaft nach der Wahl, wenn man diese Versprechen nicht einlösen kann“.

Die stetige Kritik von Pröll an Gusenbauer hat freilich einen handfesten Hintergrund: Im nächsten Jahr stehen in Niederösterreich Landtagswahlen an. Und die SPÖ (sie erhielt 2003 bei der letzten Landtagswahl 34 Prozent) kann dabei auf den Werbeeffekt eines niederösterreichischen Kanzlers hoffen. Schließlich wuchs Gusenbauer in Ybbs auf. Und der ÖVP dürfte es ohnedies schwer fallen, das Traumergebnis von 2003 (53 Prozent) zu wiederholen. Denn die damals am Boden liegende FPÖ (sie verlor drei Viertel der Wähler) hat sich inzwischen nach ihrem Ausscheiden aus der Bundesregierung wieder stabilisiert.

Am „Gängelband“ des Kanzlers

Trotz der am Dienstag gezeigten Harmonie werden Pröll und sein Team sich also auch künftig auf den Kanzler einschießen – und eifrig darauf hinweisen, dass auch ein niederösterreichischer Kanzler kontraproduktiv fürs Land sein kann. So forderte ÖVP-Landesgeschäftsführer Gerhard Karner schon in der Vergangenheit die niederösterreichische Landes-SPÖ auf, sich endlich „vom Gängelband der Gusenbauer-SPÖ zu lösen“ und stattdessen für Niederösterreich zu arbeiten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.05.2007)


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