Kritik: Theater: Zeitschinder aus Graz

Für die Festwochen kam das Theater im Bahnhof nach Wien – zum Blödeln. Mehr war es nicht.

Nach fünf Minuten Aufwärmen gibt es noch Hoffnung bei der Premiere im Rabenhof am Dienstagabend: „Lisa auf Zeitausgleich“ von Johannes Schrettle heißt das Angebot, sechs Schauspieler des Theaters im Bahnhof Graz irren über die kleine Bühne, versuchen, auf Markierungen stehen zu bleiben und Posen einzunehmen, während sie sich den Text wechselseitig auf großen Tafeln vorhalten.

Die spielen ja „Mitten im Achten“, denkt man sich, die karikieren ganz konsequent schlechte Seifenoper. Doch nach spätestens 20 Minuten ahnt man, das ist eine Billigversion von „Mitten im Achten“, und zwar mitten im dritten Bezirk, wo es im Gemeindebau zwar nicht nur fantastische, sondern zuweilen auch recht amateurhafte Aufführungen gibt, aber meist sind die zumindest mit Herz gespielt und mit Elan.

Die Grazer Truppe jedoch, bisher für Anarchismus und Frische bekannt, überrascht bei dieser Inszenierung von Ed. Hauswirth nur mit Fadesse und Überheblichkeit. Zu den Festwochen fahren, ein bisschen blödeln, schau'n, ob das Publikum alles frisst, heimfahren, scheint die Devise. Das ist nicht abendfüllend, sondern einfach ärgerlich.

„Lisa auf Zeitausgleich“ ist angeblich ein kritisches Stück. Es spielt, wenn man so will, auf einem Gestüt, wo sich die Brüder Mikael (Michael Ostrowski) und Ruppert (Rupert Lehofer), die Urlauberin Lisa Bachmann (Elisabeth Holzmeister), Mikaels Freundin, die Prostituierte Emona (Pia Hierzegger), Dr. Tschechow (Monika Klengel) und Rupperts Gefährtin Garbie (Gabriela Hiti) verdingen, vergnügen, gegenseitig striegeln, die Füße beschlagen lassen, reiten, geritten werden, Oralsex mit einem Pferd haben, hochspringen, ein Zimmer beziehen, ein Pferd zu Wurst verarbeiten, Ski fahren, Gitarre spielen – vor allem aber quatschen. Über die Arbeit, die Freizeit, die Natur, die ganz großen Themen. Nach dreißig Minuten weiß man mitten im Dritten: Pfau! In Graz hat man den Dadaismus entdeckt und reitet dieses freche kleine Pferdchen zuschanden.

Erlesene Requisiten, verplemperter Abend

Nicht alles ist schlecht bei der Aufführung. Die Requisiten sind erlesen (Ausstattung Heike Barnard), am besten wirken ein Pferd, das aus Sattel, Holzstange, Papp-Kopf besteht, ein Berg-Panorama und eine Original-Bauhaus-Gartenhütte. Auch die Scheinwerfer sind stark. Die Bewertung der Darsteller ist schwerer. Nach einer sportlichen Bewertung der neunzig Minuten könnte man sagen: Lehofer gewann den Parcours vor Klengel, Holzmeister und Ostrowski, während Hiti und Hierzegger leicht zurückblieben. Man könnte aber auch sagen, Hierzegger, Hiti und Ostrowski haben sich ein Fotofinish geliefert und Holzmeister, Klengel, Lehofer klar distanziert. Alles ist möglich, wenn der Sinn im Dunkeln bleibt. Ein verplemperter Abend.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.05.2007)

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