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Er wollte für Christus, nicht für Hitler sterben

Der Märtyrer: Franz Jägerstätter. Seligsprechung noch heuer?

Er wurde 1907 als Franz Huber in Sankt Radegund (Bezirk Braunau am Inn) geboren, als uneheliches Kind der Magd Rosalia Huber. Er wird als Franz Jägerstätter eventuell noch heuer selig gesprochen werden. Am 21. Mai jährt sich der Geburtstag des katholischen Märtyrers zum 100. Mal. Er folgte lieber Christus in den Tod als Adolf Hitler ins Feld. Dafür verließ er Hof, Frau und drei unmündige Töchter. Ein Sektierer? Ein Heiliger?

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Zunächst von der Großmutter aufgezogen, bekommt der 10-Jährige endlich einen Stiefvater. Die Mutter heiratet in den Leherbauernhof des Heinrich Jägerstätter in St. Radegund ein. Franz soll der Hoferbe sein.

Viel wissen wir über die Jugend des Bauernbuben nicht. Nur, dass er bei den Passionsspielen mitwirkt. Und dass er als 20-Jähriger vorübergehend Arbeit im bayerischen Teising findet. Danach, bis 1931, arbeitet er im Erzabbau in Eisenerz. Der Verdienst ist gut, Jägerstätter kann sich ein Motorrad kaufen – das erste in Radegund. Im Bergbau erschrickt er über das kirchenfeindlichen Milieu, er hält daher Kontakt zu seinem Pfarrer Matthias Lehner daheim.

1933 stirbt Stiefvater Heinrich Jägerstätter 49-jährig. Franz hält Ausschau nach einer Bäuerin, 1936 heiratet er die Magd Franziska Schwaninger. Das tiefgläubige Paar wählt einen ungewöhnlichen Hochzeitstermin: Gründonnerstag, 6.30 Uhr früh. Statt einer zweisamen Hochzeitsreise brechen die Jägerstätters mit einer Gruppe zu einer Pilgerfahrt nach Rom auf. Dem Paar sollten bis 1940 drei Mädchen – Rosalia, Maria, Aloisia – geboren werden.


Der Hirtenbrief des Bischofs Gföllner

Durch das Studium diverser religiöser Literatur, regelmäßige Bibellesung und häufige Gottesdienstbesuche wird Franz Jägerstätter immer klarer, dass seine katholische und die NS-Weltanschauung unvereinbar sind. Der mutige Hirtenbrief des Linzer Bischofs Gföllner, der das mörderische NS-Euthanasieprogramm scharf verurteilt, ist von nun an Jägerstätters Richtschnur.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich 1938 gibt er bei der Volksabstimmung die einzige Nein-Stimme in seinem Ort ab. Diesen Tag bezeichnet Jägerstätter später als den „Gründonnerstag Österreichs“, denn „dort ließ sich die Kirche Österreichs gefangen nehmen“.

Am 17. Juni 1940 wird Franz zum Wehrdienst nach Braunau eingezogen und auch auf Adolf Hitler vereidigt, aber nach wenigen Tagen auf Initiative der Gemeinde „unabkömmlich“ gestellt. Anfang Oktober 1940 beruft man ihn nach Enns in die Alpenjägerkaserne als Kraftfahrer ein. Auch diesmal bemüht er sich nicht selbst um Rückstellung. Er will die Grundausbildung als Infanterist und Kraftfahrer möglichst schnell hinter sich bringen und wieder nach Hause. Das geschieht auch Anfang April 1941. Da ist er bereits Mitglied im „Dritten Orden des heiligen Franziskus“.


„. . . wenn es sein muss . . .“

Zwei Jahre vergehen in lähmender Ungewissheit auf dem Bauernhof. Jägerstätter schreibt sich seine Gewissenszweifel von der Seele. Er glaubt an die katholische Lehre, dass Christen unter bestimmten Voraussetzungen zum Wehrdienst verpflichtet sind. Daher folgte er ja auch seinem Einberufungsbefehl. Aber in einen ungerechten Krieg ziehen? Ist das nicht Sünde? „. . . Auch für uns gibt es kein glückliches Auferstehen, bis wir nicht bereit sind, für Christus und unseren Glauben zu leiden und – wenn es sein muss – auch zu sterben. . .“

St. Radegund hat sich mit dem Regime arrangiert. Man versucht, den sturen Franz Jägerstätter auf Linie zu bringen. Doch der weigert sich, für die NSDAP zu spenden, nimmt keine Kinderbeihilfe von diesem Staat. Täglich besucht er die Messe, er übernimmt 1941 das Amt des Mesners.

In mehreren Heften und auf losen Blättern schreibt Franz Jägerstätter 1941 bis 1943 seine Überlegungen nieder. Sie dürften ihm geholfen haben, sein Vorhaben auch vor der Familie begründen. Während dieser Zeit verfasst er auch einen Katechismus zu Glaubensfragen, da er fürchtete, seine Kinder würden keinen Religionsunterricht mehr erhalten.

Die Entschiedenheit Jägerstätters führt zu Auseinandersetzungen im Familienkreis, vor allem mit der Mutter. Er bespricht sich mit Pfarrer Josef Karobath, der ihm die Sache ausreden will. Er sucht Rat bei Bischof Joseph Fließer. Doch auch dieser kann seine Bedenken gegen eine aktive Teilnahme am Krieg als Soldat nicht ausräumen.

Im Februar 1943 kommt der Einberufungsbefehl. Während Jägerstätter die entsprechende Empfangsbestätigung unterschreibt, meint er: „Jetzt habe ich mein Todesurteil unterschrieben.“

Mutter Rosalia Jägerstätter mobilisiert in ihrer Angst um den Sohn Verwandte und Nachbarn. Ehefrau Franziska: „Am Anfang hab ich ihn sehr gebeten, sein Leben nicht aufs Spiel zu setzen, aber dann, wie alle mit ihm gestritten und geschimpft haben, hab ich es nicht mehr getan.“ Der Bürgermeister will darum ansuchen, Franz zum Dienst ohne Waffe einzuziehen. Jägerstätter dürfte auf das Angebot nicht eingegangen sein.

Am 25. Februar sollte er in der Ennser Kaserne sein. Er lässt eine Woche verstreichen. Das sollte sein fataler Fehler werden. Auf Drängen seiner Familie und des Pfarrers meldet er sich schließlich doch am 1. März 1943 in Enns, erklärte aber sofort, dass er auf Grund seiner religiösen Einstellung den Wehrdienst mit der Waffe ablehne. Er kommt ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis Linz. Und von dort wird er nach Berlin-Tegel überstellt.

Sein Angebot, als Sanitäter Dienst zu versehen, kommt zu spät. Dass er eine Woche lang zögerte, bis er sich in Enns meldete, sollte ihm zum Verhängnis werden. Das Reichskriegsgericht in Berlin verurteilt am 6. Juli 1943 „den Kraftfahrer Franz Jägerstätter wegen Zersetzung der Wehrkraft zum Tode sowie zum Verlust der Wehrwürdigkeit und der bürgerlichen Ehrenrechte“.

Ab diesem Tag ist Franz Jägerstätter Tag und Nacht in engen Handschellen gefesselt. Sein Pflichtanwalt kann durchsetzen, dass Franziska, begleitet vom St.-Radegunder Pfarrer, am 12. Juli von ihrem Mann Abschied nehmen kann.


„Danke unserm Heiland . . .“

Am Tag vor der Hinrichtung schreibt Jägerstätter nach Hause: „Ich wollte, ich könnte Euch all dieses Leid, das Ihr jetzt um meinetwillen zu ertragen habt, ersparen. Aber Ihr wisst doch, was Christus gesagt hat: Wer Vater, Mutter, Gattin und Kinder mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert. [. . .] Wie hart wird es für unseren lieben Heiland gewesen sein, dass er durch sein Leiden und Sterben seiner lieben Mutter so große Schmerzen bereiten musste und das haben sie alles aus Liebe für uns Sünder gelitten. Ich danke auch unsrem Heiland, dass ich für ihn leiden durfte und auch für ihn sterben darf.“

Am 9. August 1943 wurde Franz Jagerstätter in Brandenburg a. d. Havel enthauptet.


Disput ums Kriegerdenkmal

Sein Märtyrer-Tod polarisierte. Weder die Amtskirche noch die Leute in St. Radegund waren zunächst bereit, ihn „zur Ehre der Altäre“ zu erheben. Ein Feigling sei er gewesen, ein Spinner, der seine Familie im Stich gelassen habe, hieß es in der Bevölkerung. Erst nach heftigen Disputen wurde der Name Jägerstätter unter die Toten des II. Weltkrieges auf dem Kriegerdenkmal St. Radegunds aufgenommen.

Erst spät begann eine langsame Aufarbeitung, ein Umdenken und die Würdigung. Das 1964 erschienene Buch von Gordon C. Zahn („In Solitary Witness. The life and death of Franz Jägerstätter“) inspirierte die christliche Friedensbewegung „Pax Christi“ in den USA und bestärkte Daniel Ellsberg – wie er sagt – in seinem Engagement gegen den Vietnamkrieg. Der Regisseur Axel Corti sorgte dann mit dem 1971 gedrehten Film „Der Fall Jägerstätter“ für die abrupte Kehrtwende in Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2007)