Vladimir Malakhov trat trotz Verletzung in "Manon" auf: ein Wechselbad der Gefühle.
Allein sein Name füllt das Haus: Für Vladimir Malakhov ist jeder Auftritt an der Wiener Oper ein Heimspiel. Am Freitag tanzte der ehemalige Solotänzer der Staatsoper und jetzige Opernballettdirektor in Berlin den Des Grieux an der Seite einer strahlenden Nadja Saidakova, die als Manon sowohl ihr Rollen- wie auch ihr Hausdebüt feierte.
Kenneth MacMillans Choreografie zu Massenets Musik verlangt dem unglücklichen Liebhaber eine breite Palette an Gefühlsregungen ab – von himmelhoch jauchzend bis zu Tode betrübt. Und Malakhov versteht es ebenso, sich hingebungsvoll vor die Füße der Angebeteten zu werfen, wie sie im letzten Akt händeringend zu beweinen. Die große Pose, das ausdrucksstarke Spiel – Malakhov gibt alles für sein Publikum.
Und doch musste er an diesem Abend auch enttäuschen. Er, der Prototyp des geschmeidigen, sich noch immer luftig auf höchstem technischen Niveau bewegenden Tänzers, wirkte vor allem im ersten Akt unsicher, fast zögerlich, und ging tänzerisch nicht so weit aus sich heraus, wie er es könnte. Dass er an einer alten Knieverletzung laboriert, konnte das Publikum nicht wissen – und er tat, was möglich war, sich die Schmerzen nicht anmerken zu lassen. Er wäre nicht Malakhov, verstünde er es nicht, eine solche Unpässlichkeit durch Strahlkraft vergessen zu machen – und durch Willenskraft: Nach der ersten Pause wirkte er gelöster, steigerte sich ins Finale und bestätigte einmal mehr seinen Starstatus.
Saidakova, Erste Solotänzerin des Staatsballetts Berlin, war an seiner Seite eine versierte Manon, die es verstand, sich überzeugend in die wechselvoll aufwallenden Gefühlswelten des launischen Mädchens zu versetzen. Eno Peci glänzte in seinem Rollendebüt als Lescaut: kraftvoll und elegant zeigte er als Betrunkener beim Pas de Deux mit Herzdame (Ketevan Papava), dass ihm auch das komische Fach gut ansteht und er in großen Auftritten zu glänzen vermag.
Trotz der kleinen Rolle ein verlässlicher Lichtblick: Staatsopern-Zukunftshoffnung Daniil Simkin (als Bettlerkönig), der unbeschwert und verschmitzt über die Bühne wirbelte und sein großes Talent offenbar auch in der kleinsten Bewegung (und hintersten Reihe) nicht als verschwendet betrachtet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2007)