Kein ästhetisches Spiel: Wieso die Etrusker einen Buchstaben manchmal umdrehten.
Im Gegensatz zur arabischen und hebräischen Schrift läuft unsere, die lateinische Schrift von links nach rechts, genauso wie die griechische. Das war nicht immer so. Die Mutter (fast) aller Buchstabenschriften, die phönizische Schrift, lief von rechts nach links, die alten Griechen schrieben bis ins sechste Jahrhundert v.Chr. rechts- und linksläufig, oft auch „bustrophedon“, das kommt von „Ochse“ (bous) und „wenden“ (strephein): wie der Ochse beim Pflügen, eine Furche hin, die nächste zurück, abwechselnd links- und rechtsläufig.
Im achten Jahrhundert v.Chr., als die Etrusker die griechische Schrift übernahmen, war sie jedenfalls noch linksläufig. Die Etrusker behielten das bei, bis zum Ende ihrer Kultur, „quasi als Markenzeichen, wie den mächtigen Nachbarn zum Trotz“, so Heiner Eichner, Sprachwissenschaftler an der Uni Wien. Ob die Römer die Schrift von den Etruskern übernommen haben oder direkt von den Griechen, ist noch nicht völlig klar. „Jedenfalls gab es massive etruskische Einflüsse“, sagt Eichner. Etwa in den Zeichen für die Laute g und k: Die südlichen Etrusker gaben das Zeichen Kappa um 600 v.Chr. auf und schrieben dafür das K als Gamma, die Römer übernahmen das. (Das G erfanden sie erst um 300 v.Chr.)
Eichner befasst sich unter anderem mit einer faszinierenden Rarität in der – ohnehin raren – etruskischen Schrift: mit dem verkehrten e, auch „littera e Cortonensis“ genannt, nach der Bronzetafel von Cortona.
Vertrag mit Pêtru und Arntlei
Diese zirka briefpapiergroße Tafel wurde 1992 gefunden, aber erst 1999 veröffentlicht. Sie enthält die drittlängste etruskische Inschrift, die wir kennen: 40 Zeilen, ein juridisches Dokument, abgeschlossen zwischen zwei Parteien. Die eine war ein anscheinend kinderloses Ehepaar: ein Mann namens Pêtru Scêvas und seine Frau Arntlei.
Pêtru ist wahrscheinlich ein Gentilname (wie bei den Römern Julius oder Claudius), Scêvas ein Cognomen (Beinamen, wie Cicero oder Caesar); Arntlei ist ein Gentilname (wie Julia oder Claudia im Lateinischen), einmal steht auch „Arntlei Pêtrus puia“, was „Arntlei, Gattin des Petru“ bedeuten sollte.
Mit dem Zeichen „ê“ schreiben die Etruskologen das verkehrte e. Dabei sieht dieses für uns gar nicht verkehrt aus: Seine Querstriche zeigen nach rechts. Da aber bei Schreibrichtung von rechts nach links die Querstriche des „normalen“ e nach links zeigen, ist das für die Etrusker „verkehrte“ e für unsere Augen „normal“. Um Konfusion zu vermeiden, spricht man besser vom „retrograden e“. Es ist übrigens ganz eckig – wie sein Vorbild, das griechische „epsilon“ –, seine Querstriche stehen aber öfters nicht ganz im rechten Winkel zum senkrechten Strich.
Es kommt auf der Bronzetafel von Cortona 50 Mal vor – in allen anderen, schon länger bekannten Dokumenten insgesamt an die 20 Mal. „Dadurch wird es möglich, die Bedingungen seines Entstehen linguistisch zu untersuchen“, sagt Eichner.
Was wollten die etruskischen Schreiber mit dem retrograden e ausdrücken? „Das war keine pure Laune, kein ästhetisches Spiel“, meint Eichner: „Dieses Zeichen wurde bewusst gewählt, um zu zeigen: Das ist ein anderer Laut. Es liegt auf der Hand, dass durch das retrograde e ein besonderer Laut bezeichnet wird, der zumindest dem Dialekt von Cortona eigen ist.“
Keine indogermanische Sprache
Welcher Laut denn? „Ich interpretiere es als langes e“, sagt Eichner, der dafür einige Argumente gesammelt hat. So den Namen Scêvas, der mit dem lateinischen Cognomen Scaevus zusammenhängt, wahrscheinlich auch aus dem Lateinischen oder einer anderen italischen Sprache kommt. Etruskisch ist ja keine italische, nicht einmal eine indogermanische Sprache. Man kennt nur zwei Sprachen, die mit ihm ziemlich sicher verwandt sind: die Sprache, die vor der athenischen Invasion (im sechsten Jahrhundert) auf der Insel Lemnos gesprochen wurde, und Rätisch, das vor den Römern im östlichen Alpenraum gesprochen wurde.
Wie die meisten Beinamen ist auch Scaevus von körperlichen Eigenheiten abgeleitet, diesfalls wohl von einer Linkshändigkeit („scaevus“ heißt auf lateinisch „links“). Die Schreibung mit „ae“ zeugt davon, dass der Vokal ursprünglich ein Diphtong war. Und bei Monophtongisierung werden aus Zwielauten lange Vokale.
Qualität statt Quantität?
Denkbar wäre auch, dass die retrograde Schreibweise des e nicht Quantität (lang/kurz) ausdrücken sollte, sondern Qualität: offen/geschlossen. Die beiden Interpretationen schließen einander nicht aus. Es ist möglich, dass in der Entwicklung des Etruskischen ein „Quantitätenkollaps“ stattfand, wie er in der Entwicklung von Latein zu den romanischen Sprachen zirka im vierten Jahrhundert n.Chr. passierte. Im Latein ist es ja nicht egal, ob ein Vokal kurz oder lang ist (z.B. „malus“ mit kurzem a heißt „schlecht“, „malus“ mit langem a „Apfelbaum“). In den frühromanischen Sprachen sind diese Unterschiede perdu, dafür wird zwischen offenen und geschlossenen Vokalen unterschieden. „Bisher wusste man gar nicht sicher, ob das Etruskische außerhalb von Fremdwörtern Quantitäten hatte“, erklärt Eichner: „Und wenn wirklich ein Quantitätenkollaps stattfand, ist offen, ob aus den langen Vokalen offene oder geschlossene wurden“.
Für die Notwendigkeit, ein neues Zeichen für einen langen Vokal einzuführen, gibt es prominente Beispiele. Etwa das Eta. Es stand für einen semitischen H-Laut, den die ionischen Griechen aber nicht brauchten. Das Eta für langes E wurde genauso wie das Omega für langes O zuerst in den griechischen Siedlungen in Kleinasien eingeführt. In Athen erst 403 v.Chr., unter dem Archon Eukleides. „Das hatte auch politische Konnotationen“, erklärt Eichner: „Die neuen Buchstaben drückten eine Distanzierung von traditionellen Attikern aus. Die Demokraten schrieben nun Eta und Omega.“
Als das M für 5 stand
Ob es zwischen den Orten der alten Etrusker auch so subtile politische Unterschiede in den Schreibungen gab? Eine weitere Spezialität haben Inschriften aus Cortona zu bieten: das „M von Cortona“, das aussieht wie ein großes Lambda (?) – damit wie ein umgekehrtes V. Mit dem schrieben die Römer bekanntlich die Zahl 5. Und auch das „M von Cortona“ könnte seine Lautbedeutung über das Zahlwort erhalten haben: 5, geschrieben als großes Lambda, hieß auf etruskisch wahrscheinlich „makh“. Das X für 10 hatten Römer und Etrusker gemeinsam.
So findet man selbst in den bis heute verbreiteten römischen Ziffern Spuren der frühen, quasi experimentellen Phase der erfolgreichsten Schrift der Welt. „Damals war die Schrift eben noch nicht so verfestigt und leichter reformierbar“, kommentiert Eichner: „Wir profitieren ja heute noch von Lösungen, die im ersten Jahrtausend v.Chr. gefunden wurden! Und etliche Probleme, die damals liegen geblieben sind, haben wir heute noch. Die Unterscheidung von langen und kurzen Vokalen ist so ein Fall. Hätte sich das ,e von Cortona‘ durchsetzen können, so hätten wir ein Problem der Rechtschreibreform weniger: die verwirrende Vielzahl der Schreibungen für langes e – als „e“, „eh“, oder „ee“ – im Deutschen.“
LEXIKON: Die Etrusker
Ab 800 v.Chr. blühte im nördlichen Mittelitalien – Toskana, Umbrien, Latium – die etruskische Kultur, wohl ein Gemisch aus einer alt-mediterranen Bauernkultur, Seefahrern aus dem Osten, Italikern aus dem Norden und „Tyrrhenern“ aus Kleinasien (die laut DNA-Analyse die Rinder brachten).
Zentralstaat gab es keinen, nur einen losen Bund von zehn Städten. Mit der Vertreibung der Etrusker aus Rom (nach 510 v.Chr.) begann der Niedergang. Das südliche Etrurien (z.B. Veji) wurde erobert, die Städte im Norden (z.B. Cortona) schlossen Bündnisverträge mit Rom.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2007)