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Gartenfrust

Was man im Belvedere unter „Aufblühen“ versteht.

Das Belvedere blüht auf!“ Mit dieser stolzen Ansage präsentiert Neo-Direktorin Agnes Husslein-Arco ihre Vorhaben im Editorial des neuen Programmhefts der Österreichischen Galerie Belvedere, die ab jetzt nur mehr „Belvedere“ heißen wird. Dass der Schlossname den Namen der inhaltlichen Ausrichtung und des Eigentümers Republik Österreich verdrängt, mag man als PR-technische Vereinfachung begrüßen, passte dies nicht allzu sehr in den Kontext der seit einigen Jahren zu beobachtenden Refeudalisierung der österreichischen Museumslandschaft, der landestypischen Variante von „Mehr privat – weniger Staat“. Husslein, als Ich-AG mindestens so perfekt wie einst Karl-Heinz Grasser (im genannten Editorial kommt das Wörtchen „ich“ achtmal, „mir“, „meiner“ und „mich“ sechsmal vor), reißt derzeit so ziemlich alles nieder, was diese Institution bisher ausgemacht hat. Le Belvédère, c'est moi.


Nur unfähige Leute am Werk?

Hinter den blumigen Worten und blütenweißen Architekturkulissen (aus der Orangerie wurde ein „White Cube“, die dort seit 1953 angesiedelte, von ihr als „finster“ bezeichnete Mittelaltersammlung aufgelöst) verbergen sich aber Methoden, für deren Umschreibung man weniger auf Termini aus der Floristik als aus der Giftkräuterkunde zurückgreifen müsste. Personal wird nicht nur, wie allgemein bekannt, neu eingestellt, sondern verlässt auch scharenweise das Haus. In den ersten dreieinhalb Monaten von Hussleins offiziellem Direktorat (tatsächlich stellt sie schon seit ihrer Designierung im Juli 2006 die Weichen) hatten bereits acht zum Teil langjährige MitarbeiterInnen freiwillig oder unfreiwillig das Belvedere verlassen. Wird hier gemobbt, oder waren unter Gerbert Frodl nur unfähige Leute am Werk, mit denen die neue Chefin nicht zusammenarbeiten kann?

Aber nehmen wir Husslein selbst beim Wort. In ihrem Editorial schreibt sie den bemerkenswerten Satz: „Die hervorragende wissenschaftliche Arbeit des Hauses soll in den Mittelpunkt der Aktivitäten rücken.“ Das ist zum einen überraschend, denn mit Wissenschaft hatte die bisher auf PR und Glamour setzende Direktorin wenig am Hut. Zum anderen aber wieder auch nicht, denn das Belvedere ist tatsächlich eines der wenigen Wiener Kunstmuseen, das nicht nur für Besucherzahlen, sondern auch für regelmäßigen wissenschaftlichen Output gesorgt hat; so bringt es u. a. seit zwölf Jahren eine wissenschaftliche Zeitschrift von internationalem Format, das zweimal jährlich auf Deutsch und Englisch erscheinende „Belvedere“, heraus. Husslein ist sicher gut beraten, wenn sie auf diese angestammte Stärke setzt und sie zu einem Alleinstellungsmerkmal ihres Hauses ausbaut.

Doch das Gegenteil geschieht. So wartete die Fachwelt seit einem Jahr gespannt auf das „Belvedere“-Sonderheft zu Gustav Klimt, das völlig neue Erkenntnisse zu enthalten versprach. Der jetzt endlich gedruckte, über 300 Seiten starke Band enthält eine Reihe wissenschaftlicher Sensationen: So ist eine bislang völlig unbekannte Skulptur von Klimt aufgetaucht, zu der Franz Eder reiches Quellenmaterial präsentiert, gelingt es Marian Bisanz-Prakken, die Pariser Vorzeichnung zur „Erfüllung“ des Stoclet-Frieses als Replik nachzuweisen und dabei neue Einblicke in die Arbeitsweise der Wiener Werkstätte zu geben, untersucht Verena Traeger erstmals Klimts umfangreiche Asiatika-Sammlung, die dem Künstler als Motivquelle diente, und macht Belvedere-Kustos Stephan Koja zahlreiche Originalstandorte, von denen aus Klimt seine Landschaften im Salzkammergut und am Gardasee malte, ausfindig. Der auch optisch sehr ansprechend gestaltete Klimt-Band besitzt nur ein Problem: Er kann weder im Buchhandel noch im Belvedere erworben werden; er kursiert nur in Form jener Exemplare, die der Sponsor vertragsgemäß erhalten hat. Der Grund: Alfred Weidinger, mit 1. März dieses Jahres von Husslein von der Albertina ans Belvedere geholter Kurator und seit 29. März dort stellvertretender Direktor, hat die fertigen Hefte prompt an die Druckerei zurückgeschickt. Er habe sie nicht bestellt, und „Belvedere“-Gründer und Herausgeber Koja, dem die Ära Frodl einige ihrer wichtigsten Ausstellungen verdankt (u. a. „Claude Monet“, „America – Die neue Welt in Bildern des 19. Jahrhunderts“, „Gustav Klimt – Landschaften“), solle die Rechnung gefälligst aus seiner Privatschatulle begleichen. Und das, obwohl das Heft von der Raiffeisen-Zentralbank komplett gesponsert worden ist und sein Erscheinen auch auf der Belvedere-Homepage zu Jahresbeginn zusammen mit Hussleins „Gartenlust“ groß angekündigt war.


Klimt-Agenda an sich ziehen

Nun ist Weidinger an Klimt-Forschung nicht einfach desinteressiert. Immerhin hat er seine Diplomarbeit über Klimts Landschaften geschrieben. Und das genau ist sein Problem. Seit seiner Bestellung setzt er alles daran, sämtliche Klimt-Agenda an sich zu ziehen. Koja, der sich ausgerechnet als Klimt-Forscher einen Namen gemacht hat, steht ihm da nur im Weg. Seit es Weidinger nicht gelungen ist, Koja die Herausgeberschaft des Klimt-Bandes zu entreißen, versucht er, das Buch zu unterdrücken. In einem anderen Fall war er erfolgreicher. Die Jubiläumsausstellung zu Klimts „Kuss“, die Koja für 2008 konzipiert und Husslein vorgeschlagen hatte, wurde diesem von Weidinger flugs weggenommen.

Die Praxis, dort zu ernten, wo andere gesäht haben, besitzt im System Husslein Methode. So kommt die Ausstellung „Affaires Modernes – Austrofranzösische Kunstbeziehungen 1880-1960“, die Husslein zusammen mit ihrem Cousin Matthias Boeckl und dem Paris-Experten Christian Huemer im Frühjahr 2006 für das Museum der Moderne in Salzburg plante und nur einen Monat vor Ausstellungsbeginn vom neuen Salzburger Direktor Toni Stooss aus Budgetgründen abgesagt werden musste, diesen Oktober unter dem neuen Titel „Wien-Paris: Van Gogh, Cézanne und Österreichs Moderne“ ins Belvedere. Huemer, von dem ein wesentlicher Teil der wissenschaftlichen Arbeit an Ausstellung und Katalog stammt, wird in den diversen Belvedere-Ankündigungen aber nicht mehr genannt. Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen. Dafür durften die Salzburger die komplette Vorbereitung und den druckreifen Katalog zahlen.

Jüngst ließ die Schlossherrin anlässlich der Restituierung von Edvard Munchs „Sommernacht am Strand“ sogar verkünden, „als erste (sic!) österreichische Museumsdirektorin (...) eine aktive Rolle in der Provenienzforschung“ einzunehmen. Die Öffentlichkeit nimmt's staunend hin: Im Genre Fürstenlob muss der Herrscher immer Urheber allen Heiles sein, selbst wenn er nur ein kleiner Trittbrettfahrer ist.

Im Übrigen glaubt die neue Gärtnerin des Belvedere, sie müsse alles mit Stumpf und Stiel ausreißen, bis buchstäblich Wüste herrscht und dann das Setzen ihrer eigenen Pflänzchen den Slogan „Das Belvedere blüht auf!“ irgendwie rechtfertigt. Nach der Eliminierung des in Österreich einzigartigen Mittelaltermuseums wird jetzt auch das Barockmuseum im Unteren Belvedere für einen Wechselausstellungsbetrieb geopfert. Durch das Schließen von Fenstern und die Umwandlung der barocken Innenarchitektur in einen White Cube wird dann das Wohnschloss des Prinzen Eugen endlich wie eine x-beliebige Kunsthalle aussehen.

Dem dafür wesentlich geeigneteren 20er-Haus fehlt ja die barocke Hülle, die man marketingtechnisch zu brauchen meint. Schließlich muss man dem (denkmalpflegerisch auch nicht besonders sensiblen) Quotenkaiser in der Albertina Paroli bieten können, das darf einem die Zerstörung des 1923 gegründeten Barockmuseums und der Verlust der Kernkompetenz in diesem Bereich schon wert sein.


Bedauernde Unzuständigkeitserklärungen

Warum ist das alles möglich? Die betreffenden Aufsichtsorgane und Repräsentanten der Republik haben den in der Ära Gehrer eingeleiteten Refeudalisierungsprozess offenbar schon so verinnerlicht, dass sie nichts mehr daran finden, dass Husslein das Belvedere wie ihr privates Latifundium und ihre Mitarbeiter wie Untertanen behandelt.

Ein am 20. März abgeschickter scharfer Protestbrief des nun ohne Sammlung dastehenden Leiters des Barockmuseums Michael Krapf an den Bundespräsidenten, die Unterrichtsministerin, den Wiener Bürgermeister, das Bundesdenkmalamt, das Belvedere-Kuratorium und Husslein selbst löste dort genau jene beiden Reaktionen aus, die neofeudales Gehabe erst so richtig zur Blüte bringen: bedauernde Unzuständigkeitserklärungen und diskretes Stillschweigen.

Anselm Wagner ist Kunsthistoriker und -kritiker (Spike, Parnass), lehrt und forscht am Institut für Architekturtheorie, Kunst- und Kulturwissenschaften der TU Graz.


meinung@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2007)