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Serbien: Ein „Küstendorf“, mitten in den Bergen

Erfolgsregisseur Emir Kusturica hat sich seinen Traum von einer eigenen Kultur-Oase auf dem Balkan verwirklicht. Im „Küstendorf“ gibt nur einer den Ton an: der Meister selbst.

Küstendorf. Vom selbstgemalten Wappen auf dem Ranger-Jeep vor dem hölzernen Eingangstor lugt grimmig ein Wolf. Hinter dem Kassenhäuschen thront die Statue eines nasenbohrenden Stahlhelmträgers. Vor der Holzkirche ist ein zu einer monströsen Staatskarosse verlängerter Trabant geparkt. Grün, blau und rot funkeln die Fensterrahmen der Holzhäuser unter dem Gipfel des Mecavnik.

Mit kräftigem Händedruck begrüßt der Herr des Ethno-Dorfs seine Gäste. Nein, ein kommerzieller Freizeitpark sei sein „Küstendorf“ keineswegs – und er wolle nicht, dass es jeder aufsuche, stellt Serbiens Erfolgsregisseur Emir Kusturica klar. Dies würde seiner „Vision von Diktatur“ widersprechen, so der Mann mit dem Stoppelbart: „Ich entwickle die Stadt nicht, um zum Bürgermeister gewählt zu werden. Dies ist das Gegenteil von Demokratie: Ich suche mir meine Bürger selbst aus.“


Konzept des Kulturtourismus

„Spontan wie alles in meinem Leben“ sei der Entschluss zur Schaffung des Dorfes im serbisch-bosnischen Grenzgebiet gefallen, erzählt der 52-jährige Regisseur, dessen Film-Vita eine eindrucksvolle Kollektion goldener Palmen und Löwen pflastert. Bei den Dreharbeiten zu dem Film „Das Leben ist ein Wunder“ blickte er 2004 vom Bergbahnhof am gegenüberliegenden Hang ins Tal. „Ich schaute hinab – und sah diese Komposition von Hügeln – wie eine Insel zwischen den Bergen.“

Er machte sich daran, unweit des west-serbischen Bergdorfs Mokra Gora eine Kultur-Oase für Workshops für Nachwuchs-Regisseure, Ausstellungen, Konzerte und Festivals zu schaffen. „Erst war es ein Haus, jetzt sind es 35“, sagt Kusturica. Er wollte einen Ort schaffen, wo sich die „guten Dinge“ Serbiens und des Balkan entwickeln könnte, erläutert er sein Konzept von „Kulturtourismus“: „Es ist hier ähnlich wie in Russlands Künstlerkolonien zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“

Blumen- und Fruchtmalereien zieren Möbel, Treppen und Deckenbalken. Die grotesk-surreale Balkan-Folklore der Kusturica-Filme spiegelt sich auch in der Architektur seines Dorfes wider. Traditionelle Holzhäuser ließ der Meister an ihrem Standort demontieren und mit seinen farbenfrohen Anpassungen wieder aufbauen. Als „Modell einer nicht existierenden Mittelalter-Stadt“ bezeichnet Kusturica seine preisgekrönte Schöpfung. Ein unterirdischer Swimming-Pool, Kino und eine Sporthalle fehlen ebenso wenig wie Internet und Tennisplätze.

Zum deutschen Namen „Küstendorf“ ließ sich „Kustu“ durch seinen Freund Peter Handke inspirieren: „Kustu-/Kustendorf – ich mag es, mit Worten und Dingen zu spielen.“ Im Wirtshaus dampft der Bohneneintopf, der Duft würziger Cevapcici durchzieht die behagliche Stube. Nur reine Naturprodukte lässt der selbst erklärte Antiglobalist den Gästen servieren.


Biorevolution mit Säften

Eigentlich wollte Kusturica die Etiketten seiner selbst kreierten Saftmarke „Bio-Revolution“ mit dem Konterfei vermeintlicher oder tatsächlicher Revolutionäre wie Tito, Fidel oder Saddam Hussein schmücken. Doch bisher prangt auf den Himbeer- und Erdbeersaft-Fläschchen nur das Bildnis von Che Guevara – und von ihm selbst. Sowohl die Nachfahren des Partisanen Tito und als auch die des Tschetniks Draza Mihailoviz, den Kusturica auch einen Saft widmen wollte, drohen ihm mit Prozessen.

In einer Region, in der sich Menschen im Namen vermeintlicher Revolutionen „sehr regelmäßig“ den Garaus machen, habe er mit seiner Biorevolution für einen ganz neuen Revolutionsbegriff sorgen wollen, bedauert der Saft-Revolutionär: „Aber für mich ist eigentlich auch die Idee einer Bio-Revolution genug.“

Rastlos tigert der Dorfschöpfer über die Baustellen und Hallen seiner selbst geschaffenen Heimat. „Weit weg von überall“ sei das Küstendorf, doch „bis auf Sushi“ fehle ihm in Serbiens Bergen überhaupt nichts, beteuert der Mann, der die Hälfte seines Lebens in Großstädten wie Prag, New York und Paris verbrachte. Auch in das 200 Kilometer entfernte Belgrad fahre er eigentlich nur noch zum Flughafen: „Warum sollte ich auch? Die Leute kommen hierher zu mir.“ In der Turnhalle probt Bassist Kusturica mit seiner „Non-Smoking-Band“ („bis auf mich qualmen die alle“) für eine von ihm komponierte Oper in Paris. Im Schneideraum montiert Kusturica seine Fußball-Dokumentation über Maradona. Arbeit sei für ihn die beste Antistress-Medizin, bekennt das Multi-Talent: „Hobbys brauche ich nicht: Ich mache bei meiner Arbeit sowieso alles, was ich will.“

Ein Geschäftsmann sei er nicht – und das von ihm finanzierte Küstendorf genauso wenig kostendeckend wie die Produktion seiner Säfte. Nein, staatliche Fördermittel habe er für seine Kulturstadt nicht einmal beantragt – das Land habe ohnehin kaum Geld. Immerhin half ihm der Staat bei der Anlegung des angrenzenden Nationalparks – und kürte Kusturica gar zu dessen Manager. Ja, er sei der „Ranger-Cowboy, der Dirty Harry“ seines Parkes, verabschiedet sich lachend der Herr des Kustu-Dorfes: „Das hier ist eine offene Diktatur – das Modell, wie die Welt in 50 Jahren funktioniert.“

ZUR PERSON

Emir Kusturica, geboren 1954 in Sarajewo, ist ein bosnisch-serbischer Filmemacher. Er lebt heute in Belgrad, Paris und seinem selbst errichteten Dorf nahe der serbischen Ortschaft Mokra Gora. In seinen Filmen verarbeitet Kusturica politische Themen und wurde deshalb auch oft angefeindet.

Info: www.kustendorf.com [AP]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2007)