Modeerscheinungen in der Musik könnten nicht ohne die Taten der klugen Pioniere blühen.
Es wird gefeiert. Domingos „Vierziger“ in Wien, Netrebkos „Manon“, zur Abwechslung einmal in Berlin. Starkult belebt die sogenannte Klassische Musik. Vergessen wird darüber gern, dass all das nicht möglich wäre, wenn nicht sachkundige Menschen im weniger glamourösen Bereich des täglichen Musiklebens für stete Erneuerung unseres musikalischen Bewusstseins sorgten. Wir nehmen es heute als Selbstverständlichkeit, dass landauf, landab die sogenannte Alte Musik für volle Häuser sorgt. Rühmenswerte Modeerscheinungen wie diese Heimholung lang vergessener Musik beruhen jedoch auf Pionierleistungen einiger Musikanten, deren handwerkliches Vermögen mit lexikalischem Wissen und einer bemerkenswerten Lust einhergeht, den Risken der Archivarbeit und der klingenden Wiederbelebung historischer Schätze zu trotzen.
Jüngst erschien, apropos Vierzigjahr-Feiern, ein schön edierter Band über den Musica Antiqua Zyklus der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Es war ein Wagnis, das man damals einging. Die klugen, vor Wissen beinah berstenden Einführungstexte, die der spiritus rector dieses Unternehmens, Rene Clemencic, jeweils für die Konzerte verfasst hat, lesen sich heute wie ein knappes, klar formuliertes Kompendium der europäischen Musikgeschichte vor Bach, von den frühen Troubadour-Gesängen über die subtile Kunst der Niederländer bis zu Monteverdis sinnlichen Musikgenüssen. Die Reichhaltigkeit unserer Musikgeschichte wird auch durch unzählige prächtige Abbildungen und die beiden beigelegten CDs belegt. Ein Nachdenk- und Begreifbuch für Musikliebhaber. (Rene Clemencic: Musica antique. Bucher-Verlag, ISBN 978-3-902525-34-5)
Ein Unermüdlicher in Sachen Schatzgräberei ist auch Paul Angerer, der nicht nur als Musiker und Kapellmeister, sondern auch als Gestalter von Radio-Sendungen zur Verbreitung von Musik, die neben den Hauptwegen der Wiener Klassik blüht, beigetragen hat. Ein Pionier auch er, nicht zuletzt in Sachen historischer Präzision, wovon nicht nur seine Bücher – gerade eben die im Wachsen begriffene, informativ kommentierte Ausgabe von Briefen der Mozart-Familie – künden, sondern auch seine Streitbarkeit in scheinbaren sprachlichen Kleinigkeiten. Seine diesbezüglichen Anrufe sind gefürchtet – aber belebend; wie die Kanons, die er seinem Publikum gern in alter Meistermanier – oft zwischen Tür und Angel – zum Blattsingen komponiert. Mit seinem Concilium musicum hat Angerer überdies dafür gesorgt, dass via CD heutzutage nicht nur Haydn und Mozart, sondern auch Dittersdorf, Pleyel und wie die wunderbaren Handwerker jener Zeit auch heißen mögen, für den Connaisseur greifbar, oder besser: hörbar geworden sind. Ein dankbarer Geburtstagsgruß an Paul Angerer also zum 80er.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2007)