Nachruf: Wenn der Wind pfeift

Burgschauspieler Wolfgang Gasser, der Professor Schuster aus Bernhards "Heldenplatz", ist tot.

Der Professor Schuster in Thomas Bernhards „Heldenplatz“ machte ihn berühmt. Da war er schon ein alter Herr und in Pension. Aus dieser holte Burgtheaterdirektor Claus Peymann Wolfgang Gasser zurück, nachdem Hans Michael Rehberg die Rolle abgelehnt hatte. 1988 fand die „Heldenplatz“-Uraufführung in Peymanns Regie im Burgtheater statt. Aus dem Skandalon „Heldenplatz“, wurde rasch ein Kultstück. Zehn Jahre blieb die Produktion am Spielplan, erlebte 120 Aufführungen, weil die Zuseher bald verstanden, dass hier ein Nachfahre von Karl Kraus und Nestroy zu ihnen sprach und nicht bloß einer, der vom Nazi-Land Österreich brabbelte, wie es zunächst schien.

Gasser adelte die Schimpf-Kanonade des Professor Schuster weit über die Tagesaktualitäten hinaus. Er war so realistisch wie ein intellektueller Großbürger nur sein konnte, parteilich, kleinlich, eitel, boshaft und gescheit. Denn Gasser war immer ein hervorragender Schauspieler; ob er in Dario Fos Ehe-Farce „Offene Zweierbeziehung“ auf einer Pawlatschen im alten Museumsquartier auftrat – als Ehemann, der Freiheiten beansprucht, die er seiner Frau keinesfalls gönnen will – oder im Burgtheater den Ottokar von Hornek in Martin Kusejs Grillparzer-Inszenierung spielte. Düster wirkte da die helle Hymne auf Österreich, in Feuer und Kanonendonner ging sie unter, kein Preisgesang, eine Beschwörungsformel.

Wolfgang Gasser war kein Typen-Schauspieler, unverwechselbar, das wurde er erst in späten Jahren. Eher war er einer, der unterschiedliche Figuren mit Leben erfüllte. Darum musste er viele kleine Rollen spielen. Er tat es souverän, aber er litt auch darunter. Manchmal floh er zu Film, TV („Das Dorf an der Grenze“, „Ringstraßenpalais“) oder zu Festspielen von Salzburg bis Forchtenstein. Gasser war Kärntner. Mit 17 musste er in den II. Weltkrieg und kam in US-Gefangenschaft. Seine erste Rolle spielte er erst mit 28. 1959 kam er ans Burgtheater, wo er in „Wallenstein“ debütierte. 150 Rollen hat Gasser gespielt. Die ältere wie die jüngere Regie-Generation schätzte diesen sachlichen, fähigen Künstler, ob Dorn oder Ronconi, Jürgen Flimm oder Andrea Breth.

„Mädchen für alles“

Der Hype um „Heldenplatz“ hat Gasser gefreut, aber nicht verschlungen: Was so ein Stück bewirken kann, werde weit überschätzt, sagte er, und: Den meisten ist der politische Hintergrund egal, sie seien nur beeindruckt, dass er sich diesen gewaltigen Text gemerkt habe. Im Grunde sei er „Mädchen für alles“ gewesen, resümierte er seine Karriere. Im „Presse“-Interview bekannte er, dass man als Künstler auch ein Privatleben haben möchte: „Wenn es irgend geht, lässt man sich einen anderen Wind um die Ohren pfeifen. Wenn nicht. Dann nicht. Gastieren in München, Wien oder Berlin. Wann liest man dann ein Buch? Aber wer mir erzählt, dass er sein Leben bestimmt, da kann ich nur laut lachen.“ Kurz vor seinem 80.Geburtstag ist Gasser in Wien gestorben.

ROLLEN: Wolfgang Gasser

Spielte u. a. in „Die Vögel“ des Aristophanes (Regie: Luca Ronconi), den Grafen Altenwyl in Hofmannsthals „Schwierigem“ (Regie: Jürgen Flimm), Don Raimond von Taxis in Schillers „Don Carlos“ (Andrea Breth), in Bernhards „Elisabeth II.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2007)

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