Bitef aus Belgrad erlaubt sich Scherze mit Shakespeares Superstars.
Mit ganz großer Pose hat das serbische Ensemble des Festivals BITEF am Montag in Wien seinen kurzen Abend eingeleitet, der aber in keiner Weise die hohen Erwartung erfüllte. Die Besucher der Wiener Festwochen wurden gebeten, weiße Hemden anzuziehen, ehe „Circus Istorija“ (Regie Sonja Vukicevic) loslegte. Da sah das Publikum dann aus wie ein Teil des Bühnenbildes, aber der eigentliche Zweck der Verkleidung blieb mysteriös.
Im Großformat hing ganz hinten auf der Bühne ein ähnliches weißes Hemd, auf den praktischer Weise tiefsinnige Bilder von Embryos, Herzen, Monster-Babys, Raumstationen, Planeten, etc. projiziert werden konnten, während vorn zwischen luftigen weißen Säulen acht Schauspieler und drei Ballerinas (Ana Stamenovic, Marija Grbic, Tijana Krsmanovic) den Shakespeare tanzten – reichlich amateurhaft zum Teil, aber mit großer Leidenschaft.
Hamlet (Anita Mancic), Lear (Dragan Micanovic), Richard III. (Hristina Popovic), Macbeth (Branislav Lecic), Othello (Tamara Vuckovic), Titus Andronicus (Mira Djurdjevic) sowie der polnische Shakespeare-Experte Jan Kott (MilocVlalukin) und ein Clown (Marko Ilic) sollen es gewesen sein. Das aber war dem Tanz nicht zu entnehmen, nur den Wortfetzen aus großen Monologen. Beim Laufen und Springen zu Musik aus Fellini-Filmen, zum Donauwalzer und zu Balkan-Punk drehte sich alles um das Rad der Geschichte, diesen „unerbittlichen Mechanismus“, den Teufelskreis der Macht, den Jan Kott in seiner Shakespeare-Analyse vor fast 50 Jahren beschrieben hat. Es wurde mit Bällen gespielt, jeder Akteur hatte Spiegel in den Handflächen, eine Tänzerin wurde aufs Rad gespannt, eine andere machte eine Schwebenummer, die aus alten Zauberkursen bekannt ist, es wurde jongliert, mit Tandems und Rollerskates gefahren.
Mehr gab es aber nicht, und das machte auch den großen Überbau, das Pathos, das die Mimen zeitweilig erfasste, etwas lächerlich. So blutet am Ende die Erde, aber war dieses Haschen nach Effekten durch das zuvor Gebotene tatsächlich gerechtfertigt? Ein paar Fetzen über das große Schweigen aus Hamlet, über das Böse bei Richard, über die schlimmen Götter bei Lear, dazu noch die leicht angestaubte Theorie aus den tiefsten Jahren des Kalten Krieges – das lässt wohl weniger Rückschlüsse auf Shakespeare als auf die Theaterszene in Belgrad zu. Die Aufführung hat nicht dazu gereicht, die Geschichte als Schlachthaus zu entlarven, dazu war sie dann doch ein wenig zu putzig.
Sternenstaub fürs Publikum
Man kann sich allerdings darauf beschränken, den Abend als reinen Zirkus mit mehr oder weniger gelungenen Nummern zu genießen, der eben ein bisschen mit Weltliteratur verbrämt wurde. Zum Abschluss gab es noch ein wenig Stoff, aus dem die Träume sind, eine Darstellerin auf metallenen Stelzen blies mit großer Geste und verzücktem Lächeln Theater-Sternenstaub ins Publikum. Wurde dem Zuseher da ein wenig Sand in die Augen gestreut? War das der Moment, in dem sich der emanzipierte und durch Kott aufgeklärte Betrachter vor der Asche der Geschichte zu schützen wusste, indem er sich die Kapuze des weißen Theater-Mantels über den Kopf zog? Man wird es nicht erfahren. Shakespeares Sprüche sind hier zu einem Zirkus-Geheimnis geworden.
WIENER FESTWOCHEN: Revue
„Zirkus der Geschichte“ nennt Regisseurin Sonja Vukicevic ihre Show nach Texten von William Shakespeare. Eine Produktion des BITEF-Festivals, Belgrad.
Termine: 23. und 24. Mai, Halle G, Museumsquartier, 20.30 Uhr. In Serbisch mit deutschen Untertiteln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2007)