Indien auf der Überholspur

Eine neue Studie sieht Indien als künftige Nummer eins - in dreissig Jahren könnte es die USA und China überflügelt haben. Der indische Kapitalmarkt boomt schon jetzt.

Die Wirtschaft Indiens könnte in 20 Jahren Deutschland überholen und in 30 Jahren größer sein als jene der
USA und China. Und das, obwohl in China das derzeitige Wachstum von etwa neun bis zehn Prozent pro Jahr bis 2010 anhalten und dann bis 2015 immer noch Wachstumsraten von sieben bis acht Prozent jährlich zu erwarten sind. Mit Aussagen wie dieser lässt
eine aktuelle Studie von UBS Research mit dem Titel „Asiens Aufstieg“ aufhorchen. Japans Wachstumschancen für das kommende Jahrzehnt begrenzen die Analysten dagegen - auf Grund der hohen Schuldenlast – auf durchschnittlich höchstens 1,5 Prozent pro Jahr.

BRIC auf der Überholspur

Die Experten von Goldman Sachs kamen schon vor längerer Zeit zu dem Schluss, dass zumindest einige der sogenannten "Schwellenländer" den westlichen Industrienationen in absehbarer Zeit den Rang
ablaufen werden. Die Ausgangsfrage ihrer Studie mit dem Titel „The World and the BRIC’s Dream“ lautete: Wie wird die Weltwirtschaft 2050 aussehen, wenn die
BRIC-Staaten – Brasilien, Russland, Indien und China – weiterhin solche Wachstumsraten aufweisen? Die Antwort darauf fiel eindeutig aus: Diese Länder hätten das Potenzial, innerhalb der nächsten Jahrzehnte die
G6-Länder USA, Japan, Deutschland, Großbritannien,
Frankreich und Italien, gemessen an ihrem in US- Dollar berechneten BIP, wirtschaftlich zu überholen. Als Vorreiter könnte China innerhalb der nächsten vier
Jahre Großbritannien und Deutschland überflügeln und im Jahr 2015 an Japan vorbeiziehen. Und auch Brasilien und Russland könnten in zehn Jahren Italien und wenig
später auch Frankreich und Deutschland hinter sich lassen. Alle BRIC-Länder zusammen könnten etwa im Jahr 2039 an allen G6-Staaten vorbeiziehen, heißt es in der Goldman-Sachs-Studie weiter.

Dass sich die Schwerpunkte des globalen
Wirtschaftswachstums verlagern, ist an und für sich nichts Außergewöhnliches. In den Jahrzehnten seit dem Zweiten Weltkrieg ist das wiederholt geschehen. Auf den Wiederaufbau der europäischen Industrieländer
folgte der Aufstieg Japans in die Reihen der führenden Wirtschaftsmächte, danach rückten die Schwellenländer immer mehr ins Zentrum. Insbesondere die großen vier innerhalb dieser Gruppe – Brasilien, Russland,Indien und China – können auf enorme
Wachstumsraten verweisen. In den Jahren 2000 bis 2005 trugen die BRIC, in US Dollar berechnet, etwa ein Fünftel zum weltwirtschaftlichen Wachstum bei. Nach
Kaufkraftparitäten gerechnet, waren es mehr als 50 Prozent. Sie sind also unbestreitbar drauf und dran, in den nächsten Jahrzehnten zu den Big Players im internationalen Business zu avancieren.

»Â„Mit der wachsenden Globalisierung
und dem boomenden Heimmarkt sind
bei den indischen Firmen
Unternehmergeist und Selbstvertrauen
enorm gewachsen.“«

Naganath Sundaresan, DSP Merryll Lynch

Die Einschätzungen von UBS und Goldman Sachs weichen in Details voneinander ab, in einem Punkt sind sie sich jedoch einig: Indien verfüge über das größte und langfristigste Wachstumspotenzial. Auch andere
Experten teilen diese Ansicht: „Mit einem
Wirtschaftswachstum von neun Prozent gehört Indien zu den wachstumsstärksten Ländern der Welt“, so Naganath Sundaresan, President & Chief Investment Officer bei DSP Merryll Lynch Fund Manager, in einer aktuellen Analyse. "Dies verdeutlichen die umfangreichen ausländischen Direktinvestitionen
und Dienstleistungen. Sie zählen zu den wichtigsten Sektoren der Wirtschaft, ihr Wachstum hat sämtliche Erwartungen übertroffen."

Indische Unternehmen und Produkte drängen auch immer stärker auf westliche Märkte. „Mit der wachsenden Globalisierung und dem boomenden Heimmarkt sind auch Unternehmergeist und Selbstvertrauen enorm gewachsen“, so Sundaresan, Ein Beispiel: der indische Konzern Mahindra, der einen Einstieg in die deutsche Automobilbranche plant, um von hier aus auf dem Weltmarkt zu reüssieren. Und auch bereits deutsche Zulieferfirmen übernommen hat.

Boom bei Investments

Auch am indischen Emissionsmarkt ging es 2006 äußerst lebhaft zu. Allein durch Börsengänge wurden Gelder in der Höhe von umgerechnet 29,63 Mrd. Euro erlöst, Investmentfonds sammelten 19,45 Mrd. Euro ein
– ein kolossaler Anstieg um 312 Prozent gegenüber
dem Vorjahr. „Sowohl der Rentenals auch der Aktienbereich verzeichneten beachtliche Kapitalflüsse“, so der Experte. Lediglich die Landwirtschaft schnitt
schlechter ab, der Experte sieht aber auch in diesem Bereich reichlich Potenzial für Investoren:
"Dieser Sektor ist an der Börse noch nicht so stark vertreten, es gibt hier nur einige wenige gelistete Unternehmen. Trotzdem beobachten wir auch hier eine signifikante Investitionstätigkeit und rechnen damit, dass mittelfristig mehr gelistete Anlagemöglichkeiten
entstehen werden."

Aber wie lange wird das indische Wirtschaftswunder andauern? Die Goldman-Sachs-Studie geht davon aus, dass sich das überdurchschnittliche Wachstum ab etwa 2025 verlangsamen wird. Ob es die BRIC-Staaten tatsächlich bis dahin schaffen werden, unter die Top-Wirtschaftsnationen aufzusteigen und sich dann
auch dort zu halten, wird unter anderem von der politischen Stabilität und der Erfüllung sonstiger Rahmenbedingungen für solides Wachstum abhängen. Dazu gehören kompetente und stabile Institutionen, fähige und berechenbare Administration, Offenheit,
Rechtssicherheit und Bildung. Trotz dieser Unsicherheitsfaktoren haben viele Finanzexperten schon vor einigen Jahren ein Auge auf diese Märkte geworfen und gehen davon aus, dass sie sich als fixe Größe auf den Kapitalmärkten etablieren werden.

"Wir sind fest überzeugt, dass Investitionen in BRIC-Staaten – Aktien, Anleihen, Immobilien und Währungen – in Zukunft ein integraler Bestandteil der Portfolios von Anlegern sein werden", meint etwa Philipp Vorndran, Investment Strategist Credit
Suisse. "Wie groß dieser Portfolioanteil in 20 Jahren sein könnte, lässt sich gut am erwarteten Anteil der BRIC-Staaten am weltweiten Bruttosozialprodukt ablesen."

Soziale und politische Risken

In den vergangenen Jahren konnten die Aktionäre
an den Börsen Brasiliens, Russlands, Indiens und Chinas satte Gewinne verbuchen. Der russische Aktienindex RTS legte seit 2001 um 1000 Prozent zu, der indische
Aktienindex Sensex kletterte seit Ende 2001 um 410 Prozent, Brasiliens Bovespa seit Anfang 1996 gleich um 770 Prozent. Und der Hongkonger HSCEI, der die in der ehemaligen Kronkolonie gehandelten Aktien aus
der Volksrepublik zusammenfasst, konnte seit dem Jahr 1998 680 Prozent Zuwachs verzeichnen.
Für Privatanleger war der Markt allerdings bisher nur schwer zugänglich, für viele stellt er auch heute noch Neuland dar. Mit Investitionen in Fonds und Zertifikate
können aber auch Kleinanleger den Aufschwung nutzen. Die Risken sollte man dabei aber nicht unterschätzen. So leben in den BRICs noch viele Menschen unter der Armutsgrenze, was zu sozialen und politischen Spannungen führen könnte. Auch die
Überalterung könnte beispielweise in China das Wachstum bremsen.

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