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Helmut Schmidt: „Gibt keinen Anlass, Russland und China zu misstrauen“

Der frühere deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt erklärt, warum Russland geradezu zwangsläufig eine Schlüsselrolle auf der weltpolitischen Bühne spielt.

Die Presse: Herr Bundeskanzler, Sie haben . . .

Helmut Schmidt: Lassen Sie den Bundeskanzler weg, ich heiße Schmidt.

Sie haben einst die Sowjetunion in einem Ihrer berühmtesten Sager als „Obervolta mit Atomwaffen“ bezeichnet. Was fällt Ihnen zum heutigen Russland als Beschreibung ein?

Schmidt: Das ist 30 Jahre her. Eigentlich bin ich ein Gegner von solchen journalistischen Formeln. Die wirken zunächst überraschend, dann grinst man darüber, dann werden sie vergessen. Jedenfalls sind sie geeignet, den Leser oder den Zuhörer in die Irre zu führen. Ich würde mich scheuen, irgendein Schlagwort für das gegenwärtige Russland zu erfinden.

Manche Kommentatoren fühlten sich nach dem jüngsten Schlagabtausch zwischen Moskau und westlichen Regierungen bereits an den Kalten Krieg erinnert. Sie sehen Russland als wiedererstarkten Troublemaker für den Westen. Sehen Sie das auch so?

Schmidt: Ich halte manche Kommentatoren, aber auch manche westlichen Politiker für nicht sonderlich klug, wenn sie dieser Tendenz Vorschub leisten und sie noch verstärken. Am stärksten ausgeprägt ist diese Tendenz in Amerika, jedenfalls stärker als in Mittel- und Westeuropa. Diese Tendenz ist stärker auch in Ostmitteleuropa als im Westeuropa. Das ist zu erklären durch die lange Zeit der sowjetischen Oberherrschaft und im Falle Polens wie der drei baltischen Staaten besonders leicht zu verstehen.

Denn schon lange vor der sowjetischen Zeit hat Russland zusammen mit Österreich und Preußen diesen Völkern Übles angetan, besonders den Polen. Also erklärbar ist diese Russland-kritische Haltung, verständlich ist sie auch – klug ist sie aber nicht.

Aber auf die Amerikaner trifft diese historische Erfahrung ja nicht zu.

Schmidt: Die Amerikaner haben sich nach der Implosion der Sowjetunion zunächst eingebildet, sie seien als einzige Großmacht der Welt übrig geblieben. Diese Einbildung hat sich bis heute ziemlich unbeeinträchtigt gehalten, erst jetzt fängt sie an, etwas abzubröckeln. Vor 15 Jahren haben sich manche Amerikaner eingebildet, es sei ihre Mission, den ganzen „eurasischen Kontinent“ bis hin nach Kamtschatka und Schanghai zu kontrollieren.

Inzwischen sind sie dabei einzusehen, dass China zu einer gewichtigen Weltmacht wird. Aber nun fehlt den USA eigentlich der alte Feind, genauso wie der Nato heute ein Feind fehlt. Die Amerikaner suchen nun nach neuen Aufgaben, siehe Irak, siehe Iran oder was immer. Klug ist das nicht.

Hat das amerikanische Misstrauen gegen die wieder erstarkende Weltmacht Russland und die aufstrebende Weltmacht China denn eine Berechtigung?

Schmidt: Tatsächlich sind doch im Laufe der letzten 30 Jahre, also seit dem Ende der Ära Mao Zedongs in China und dann seit dem Amtsantritt Michail Gorbatschows 1985 in Moskau, keinerlei aggressiven Akte von diesen beiden Staaten ausgegangen. Weder China noch Russland haben in anderen Staaten interveniert und die eigenen Grenzen überschritten. Beide haben sich relativ friedlich verhalten – im Vergleich zu der anderen großen Weltmacht.

In Wirklichkeit gibt es also keinen Anlass, Russland und China zu misstrauen. Die chinesische Militärmacht ist im Vergleich zu den USA und dem Rest der Welt ziemlich unerheblich. Die Militärmacht Russlands ist gegenüber der Zeit Leonid Breschnjews halbiert. Dennoch gibt es natürlich nach wie vor genügend Nationen, die misstrauisch bleiben – seien es die Polen, Esten, Letten oder Litauer aus der historischen Erfahrung heraus oder im Fall Amerikas, weil ihnen der Feind abhanden gekommen ist. Ohne Feind haben die USA keine Mission.

Welche Rolle sehen Sie denn für Russland in der heutigen Welt?

Schmidt: Russland ist eine Weltmacht und wird es bleiben. Aus mehreren Gründen: Erstens: Russland hat das größte Territorium aller Staaten der Welt. Darin befinden sich Bodenschätze, die teilweise noch gar nicht gefunden, geschweige denn ausgebeutet sind. Zweitens: Dazu kommt, das heute die ganze Welt in Russland Erdgas kaufen will. Das kann sich eines Tages auch auf Öl und andere Mineralien erstrecken, die derzeit noch im Boden Sibiriens verborgen sind. Schließlich, drittens, spielt auch die Militärmacht Russlands noch eine Rolle.

Hat Putin Russland wieder diese Weltmachtrolle zurückgegeben?

Schmidt: Besonders zu beachten ist, dass Russland in Europa und in Asien eine große Zahl von nahen und fernen Nachbarn hat: Finnland, Estland, Lettland, Polen, Ukraine, Türkei, Iran, die zentralasiatischen Republiken, Mongolei, Indien, China, Japan. Die Beziehungen Moskaus zu all diesen Ländern haben einen großen Einfluss auf die Atmosphäre der Weltpolitik insgesamt. Dazu kommen noch die russischen Beziehungen zu denjenigen Ländern auf dem Balkan, die zur orthodoxen Kirche gehören. All das spielt eine Rolle.

Die Tatsache, dass diese vielen Länder von der russischen Politik positiv und negativ beeinflusst werden, trägt dazu bei, dass die Rolle Russlands größer ist, als man das notwendigerweise aus einer deutschen oder österreichischen Provinzperspektive erkennen kann. Russland spielt zwangsläufig eine weltpolitische Rolle, selbst wenn es ihm selber gar nicht bewusst wäre. Wladimir Putin ist aber ein Mann, dem das sehr gut bewusst ist.

In der Nato-Nachrüstungsdebatte in den 1970-er und 1980-er Jahren haben Sie eine Schlüsselrolle gespielt. Wenn Sie sich heute die Moskauer Agitation gegen die geplante US-Raketenabwehr in Polen und Tschechien ansehen, sehen Sie da Parallelen zur damaligen Zeit?

Schmidt: Da Russland betroffen ist von diesem amerikanischen Projekt, ist es ganz natürlich, wenn es sich dazu äußert. Und natürlich versuchen sie, mit ihren Argumenten alle übrigen Beteiligten zu beeinflussen – nicht nur die Europäer, auch die Amerikaner.

Was nun eine mögliche historische Parallele betrifft: Ich war an der Nachrüstungsdebatte nicht nur beteiligt, sondern ich habe sie ausgelöst. Die Amerikaner wollten das damals nicht. Und warum habe ich sie ausgelöst? Weil ich ein Ungleichgewicht zugunsten der damaligen Sowjetunion sah. Die hatte schließlich bis zu 100 neue Mittelstreckenraketen aufgestellt, die nicht Amerika erreichen konnten, sehr wohl aber Ziele in Europa, insbesondere in Deutschland. Jede dieser Raketen hatte drei Sprengköpfe – sie konnten mit einer einzigen dieser Raketen Linz und Graz und Wien gleichzeitig erledigen. Der Westen hatte nichts dergleichen, es gab kein Gleichgewicht.

Eines Tages also hätte eine Situation entstehen können, wo eine größenwahnsinnige sowjetische Führung, gestützt auf diese Raketenübermacht, Pressionen hätte ausüben können. Zum Beispiel hätten sie in Deutschland eine Angstpsychose auslösen können und viele Deutsche wären froh gewesen, lieber rot als tot zu sein.

Dieses Ungleichgewicht war meiner Meinung nach nicht zu ertragen, deshalb musste nicht nur nachgerüstet, sondern zugleich versucht werden, ein Gleichgewicht herzustellen: entweder durch Verhandlung und beiderseitige Reduktion auf Null oder Gleichgewicht durch eine gleiche Zahl von Mittelstreckenraketensysteme auf beiden Seiten – oder auch eine Kombination von beiden. Und so ist es dann ja auch tatsächlich nach Verhandlungen gekommen: Reduzierung auf Null und damit Gleichgewicht.

Und wo gibt es eine Parallele zur heutigen Situation?

Schmidt: Heute würde die einseitige Errichtung von Anti-Raketensystemen das bisher gegebene Gleichgewicht verändern. Es gab den Raketenabwehrvertrag von 1972 (ABM), der es Amerikanern und Sowjets untersagte, Raketenabwehrsysteme zu errichten. Diesen Vertrag haben die USA vor fünf Jahren gekündigt.

Jetzt sind sie dabei, ein solches System zu errichten – nicht nur auf eigenem Boden in Alaska, sondern auch in Polen und Tschechien. Sie haben auch Geräusche gemacht, dass sie das System den Taiwanesen gegenüber China anbieten könnten. Das muss zwangsläufig in Peking wie auch in Moskau als Veränderung der bisherigen Situation zu ihrem Nachteil erscheinen. Es ist auch objektiv eine Veränderung zugunsten Amerikas und zu Lasten aller anderen.

Ich halte es nicht für richtig, zu meinen, dass die Russen heute nur eine Gelegenheit nutzen wollen, um Europa zu spalten. Sie dienen ihren Interessen, wenn sie gegen amerikanische Raketenabwehrsysteme protestieren. Wenn sie sich mittels des Protests nicht durchsetzen sollten, dann werden sie gezwungen sein, ihrerseits solche Systeme zu bauen. Die technischen Fähigkeiten dazu haben sie, und ihre ökonomische Leistungsfähigkeit ist heute größer als jemals zur sowjetischen Zeit.

Vollversion des Interviews.

ZUR PERSON. Der unbeugsame Hanseat

Helmut Schmidt ist untrennbar mit dem Nato-Doppelbeschluss verbunden: Der damalige deutsche Bundeskanzler trug 1979 das Abrüstungs-Angebot an Moskau bei gleichzeitiger Drohung mit Nachrüstung maßgeblich mit. Bei seinen Sozialdemokraten kostete ihn diese Haltung allerdings viel Rückhalt.

Der RAF-Morde des Jahres 1977und die Entführung der Lufthansa-Maschine „Landshut“ fielen auch in Schmidts Amtszeit. Er lehnte jedes „Geschäft“ mit den Terroristen ab.

Geboren wurde Schmidt am 23. Dezember 1918 in Hamburg. 1953 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt, später wurde er Fraktionschef, Verteidigungsminister, Finanzminister. Im Mai 1974 folgte er Willy Brandt als Kanzler. 1982 kostete ihn der Lagerwechsel der FDP das Amt.

Die Wochenzeitung „Die Zeit“ kann sich seit 1983 mit Schmidt als Mitherausgeber schmücken. Diese Woche war er beim „Interaktionsrat“, einer Runde von Ex-Staats- und Regierungschefs, in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2007)