"Fremd zu sein in dieser Kultur"

Der Wiener Philosoph Rudolf Burger über die Geschwätzigkeit der Geisteswissenschaften, die essayistische Lust am Zuspitzen und die Rolle des Außenseiters jenseits der akademischen Schonräume.

Die Presse: Warum sind Sie zuerst Physiker geworden und schließlich dann Philosoph?

Rudolf Burger: Für mich hatten schon als Kind die Zeichen in den Physiklehrbüchern ästhetisch eine ungeheure Faszination, die Verbindung von mathematischen Gleichungen und Schrift, diese rationalistische Verknappung der Form, die eine Erkenntnis versprach jenseits des pädagogischen Geschwätzes. Und ich hatte Glück: Mein Physik-Lehrer war ein Leibnizianer. Er hat nur wenige empirische Faktizitäten in den Unterricht eingebaut, und das Ganze als Verkettung von Denkproblemen dargestellt. Ich hatte das Gefühl, dass das Naturgeschehen rein rational deduzierbar sei, das war das Weltgefühl des 17. Jahrhunderts. Später hat sich das auch moralphilosophisch ausgewirkt.

Wie wirkte sich für Sie die Universität aus?

Burger: Vom Studium der technischen Physik war ich ziemlich enttäuscht, das war zwar ein interessantes intellektuelles Spiel, aber nicht sehr anspruchsvoll. Ich habe es rasch hinter mich gebracht, aus pragmatischen Gründen. Ich hatte andere Erwartungen. Da hatte ich schon großes Interesse an philosophischen Texten, ich wollte mich durch sie in einer intrikaten Wirklichkeit zurechtfinden. Stirner war ein ganz früher Einfluss, der mich ein Leben lang begleitet hat mit seiner äußersten Konsequenz. Das waren Distinktionsstrategien gegen den breimäuligen Humanismus des österreichischen Bildungssystems. Ich habe die Sinn vermittelnden Kulturphilister immer verachtet und wollte mich intellektuell gegen sie behaupten. Der physikalische Denkstil hat mir dabei sehr geholfen. Ich hätte nie in Wien Philosophie studieren können, habe mich immer als Anti-Philosophen verstanden.

Was hat Sie denn so stark geprägt?

Burger: Sicherlich meine Herkunft aus einem kommunistisch-proletarischen Milieu. Ich hatte ebenso heftige wie liebevolle Auseinandersetzungen mit meinem Vater, der ein ungeheuer belesener Mann war. Das waren meine besten philosophischen Seminare. Von daher rührt auch mein Lebensgefühl des Nicht-Dazugehörens, fremd zu sein in dieser Kultur. In den Fünfzigerjahren gab es das Ausspielen von Sartre gegen Marx, es gab Camus mit seinem Fremden, das waren prägende Momente für meine Entwicklung, so wie die Negative Dialektik Adornos 1966. Ich dachte, ich verstehe ihn zwar nicht, aber er versteht genau das, worum es mir geht, er hat eine radikale Distanz zur Kultur. Langsam hat sich ein Verständnis herausgebildet, das prägend wurde, langsam hatte das auch berufliche Konsequenzen. Es führte mich in die Wissenschaftstheorie und dann in die Philosophie.

Sie wurden im Jahre 1987 Professor für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. Braucht die Kunst denn überhaupt Philosophie?

Burger: Wie einen Bissen Brot, wenn sie so weitermacht. Aber ich mache mir da keine Illusionen. Die Angewandte hatte bis 1986, als sie noch Hochschule war, keine Lehrkanzel für Philosophie. Ich glaube, die Kunstuniversitäten haben sich die Philosophie als Organe der Kunst-Apologie geholt, zur Legitimation und Panegyrik, nicht zur Kritik, die sie dann bekommen haben. Die Entwicklung der Kunst seit dem analytischen Kubismus ist ja zunehmend kommentarabhängig. Schon Ende des 19. Jahrhunderts nimmt die Zahl der Manifeste zu. Bestimmte künstlerische Positionen werden Emanationen einer vorgängigen Theorie. Das schwarze Quadrat von Malewitsch etwa ist ohne die Programmatik der Suprematisten eine Banalität. Ich habe übrigens einmal darauf hingewiesen, dass es schon 200 Jahre vorher auftaucht. Im Roman Tristram Shandy ist eine Seite bis auf den weißen Rand eingeschwärzt. „Ach, armer Yorick!“, steht darunter, zum Tod des Spötters. In dem Maße, als zum Beispiel die Malerei zur reinen Malerei wird, alles Erzählerische aus dem Bild eliminiert wird, siedelt sich das Narrative daneben als Kommentar an. Wenn sie den Begleittext wegstreichen, bleibt oft nur Gekleckse oder Gerümpel übrig. Die philosophische Besprechung des Artefakts macht das Zeug überhaupt erst zum Kunstwerk. Nichts ist falscher als die berühmte These Walter Benjamins vom Verlust der Aura des Werks durch seine Reproduzierbarkeit. Avantgarde-Werke bestehen wesentlich in ihrer Aura. Diese wird erst durch den quasi magischen Prozess der Begleit-Rhetorik imputiert. Die Unterscheidbarkeit von Alltagsobjekten ergibt sich erst durch den rhetorischen Kontext. Der Vorgang ist analog zur Transsubstanziation in der katholischen Eucharistie-Feier. Das hört der Kunstklerus natürlich nicht gern. Das Einzige, was mich an der Gegenwartskunst noch wundert, ist ihr Boom. Aber irgendwann kommt ihre Tulpen-Krise.

Erklärt sich aus diesem Prozess nicht die ungeheure Geschwätzigkeit in den Geisteswissenschaften?

Burger: Ich habe meinen Studenten, die eine Arbeit schreiben wollten, oft gesagt: Was ist Ihr Problem? Schreiben Sie nie über ein Thema, sondern über ein Problem. Wenn Sie keines haben, dann lassen Sie es bleiben. Die Geschwätzigkeit der Geisteswissenschaften rührt vor allem daher, dass in ihnen über Themen geschrieben wird, nicht über Probleme. Die klassischen Texte haben auf existenzielle Probleme ihrer Zeit reagiert. Sie haben Lösungen für distinkte Probleme angeboten. Philosophie hat eine ungeheuer lange Tradition, heute gibt es aber nicht mehr die Philosophie, sondern bestenfalls kanonische Themenbereiche, akademisch gepflegte Traditionsbestände, Füllmaterial für „Sinnschläuche“, wie ich sie nenne. Ernsthafte Philosophie heute findet jenseits der akademischen Schonräume statt, im Handgemenge mit realpolitischen Kräften im weitesten Sinn. Und sie definiert sich nicht durch die Themenwahl, sondern durch eine spezifische Intensität des Denkens. Jedes Problem wird zu einem philosophischen, wenn Sie lange genug und rücksichtslos genug darüber nachdenken.

Aus diesem Grund schreiben Sie wohl auch so gerne Essays?

Burger: Essays sind ein Versuch, über ein Problem, das sich mir aufdrängt, zu reflektieren, es sind Interventionen, um das Geschwätz zu stören. Das ist Aufklärung im ursprünglichen Sinn.

Wie weit soll sich der Philosoph ins Tagespolitische einmischen?

Burger: Odo Marquard hat einmal gesagt, der Philosoph sei nicht der Experte, sondern der Stuntman des Experten, sein Double fürs Gefährliche. Marquard hat auch immer sehr kleine, scharfsinnige Essays geschrieben. Das sind Versuche der Selbstverständigung, in einem geschwätzigen Umfeld. Wir erleben eine Inflation von „Talg“-Shows, mit einer Beliebigkeit von Themen. Man denkt, ein Problem sei gelöst, weil man darüber gesprochen hat. Und das gilt heute weitgehend auch für den akademischen Philosophie-Betrieb.

Sie spitzen zu, lieben die Provokation. Wird man dabei nicht einsam, ein Außenseiter? Trifft Sie überhaupt die massive Kritik?

Burger: Es gibt bestimmte Positionen, die heute politisch korrekt sein müssen. Mich aber regt der moralische „Etepetismus“ auf. Es ist eine Lust gegen diese Heuchelei zu intervenieren.

SYMPOSION: Freie Geister

„Von der Unabhängigkeit des Denkens“ ist das Motto des Symposions, das die Plattform WeltStadtWien und die Universität für angewandte Kunst anlässlich der Emeritierung Rudolf Burgers veranstalten.

Termin: 24. Mai 2007, 14 bis 20 Uhr im MAK, Weiskirchnerstraße 3, 1010 Wien.

Vorträge: Helmut Lethen: „Ein Portal zum Abschied. Anthropologie der Entfernung“, Ulrich Horstmann: „Hirnlos. Eine Suada“, Christian Demand: „Ästhetik im Singular: Wie kommt die Ordnung in die Kunst?“ und Karl Heinz Bohrer: „Die Falle der Kulturkritik. Muss ein freier Geist subversiv sein?“

Rudolf Burger, * 1938 in Wien, seit 1987 Univ.-Prof. für Philosophie an der Universität für angewandte Kunst in Wien. 1995 bis 1999 Rektor. Spezialgebiete: Ästhetik, polit. Philosophie. Der Physiker (Promotion an der TU Wien 1965) war zuvor am Boltzmann-Institut für Festkörperphysik tätig, am Battelle-Institut sowie im Planungsstab des Bonner Forschungsministeriums. Ab 1973 leitete Burger die Abteilung für sozial- und geisteswissenschaftliche Forschung in Wien.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2007)

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