Nachdem „Coke Light Lemon“aus dem Sortiment genommen wurde, klafft eine Marktlücke.
Im Grunde handelt er nur von Coca-Cola.“ Also schrieb Nik Cohn in seinem wunderbaren, leider längst vergriffenen Buch „Pop from the Beginning“ über den Pop. Ob er Recht hatte? Egal. Auf diese Kolumne trifft seine Definition wahrscheinlich im Allgemeinen nicht zu, diesmal aber schon: Es geht um Coca-Cola.
In Zeiten des Kalten Krieges hätte dieser Satz noch nach Weltpolitik geklungen. „We can fight Marx with Coca-Cola“, sagte Friedrich Torberg, denn man könne es trinken, müsse aber nicht. Ob Nikita Chruschtschow das Pepsi-Cola, das Richard Nixon ihm 1959 servierte, ausgetrunken hat, ist nicht zuverlässig überliefert, mit dem Schuh auf dem Tisch getrommelt hat er zu diesem Anlass nicht. Seither ist Pepsi jedenfalls in Russland präsent, Coke folgte erst 1989, im Gefolge von McDonalds.
Heute wäre Herrn Putin gewiss jedes braune Wässerchen recht, in St.Petersburg haben unlängst die Arbeiter im Cola-Werk für höhere Löhne gestreikt (was ihre Kollegen in Kolumbien wohl nur unter Lebensgefahr können), und niemand wäre überrascht, wenn die Coca-Cola Company von einem russischen Oligarchen übernommen würde, von einem dieser Burschen, die auch theoretisch verstehen, warum sie so wohlhabend sind, schließlich haben sie noch auf der Uni in Marxens „Kapital“ über die „primäre Akkumulation“ gelesen.
Oder kaufen sie zuerst Pepsi, das ewige Zweite unter den koffeinhaltigen Erfrischungsgetränken, dem zu allem Überfluss die Neurologen bescheinigt haben, dass sein Image den Hippocampus im Hirn nicht aktiviert (Neuron, 44, S.379)? Muss man dann womöglich gleich ein Michael-Jackson-Comeback befürchten, diesmal umgekehrt inszeniert, als Siegeszug von Ost nach West? Wird Prince mit Coke-Signet und „Love Sign“ zurückschlagen, wie einst abwechselnd auf die Videowand projiziert?
Oder macht doch ein Außenseiter das Rennen, das tschechische Kofola vielleicht? Das deutsche Afri-Cola? Das post-ironische Fritz-Cola? Das islamische Mecca-Cola? Das einst in der DDR produzierte Cherry-Cola, das sich immerhin im „Kinks“-Song schmiegsam auf Lola reimte?
An den Start, sage ich, das Rennen ist offen. Spätestens jetzt, wo „Coke Light Lemon“ skandalöserweise aus dem Sortiment genommen wurde, klafft eine Marktlücke. Für dieses herrliche Getränk, das mich aus so manchem Dämmerzustand gerissen hat und das, nebstbei bemerkt, eine scharfe Waffe gegen das Koma-Trinken wäre (schon weil es sich geschmacklich nicht mit Bacardi & Co. verträgt), muss sich ein Ersatz finden! Es kann doch nicht so schwer sein, mit Einsatz aller Spionage- und Analysemethoden die Formel zu knacken! Mr. Sheldon J.Plankton, versuchen Sie nicht länger, Eugene H. Krabs das Geheimnis des Krabbenburgers zu entreißen, widmen Sie sich lieber dem Coke Light Lemon!
Ich glaube, es kommt aufs Verhältnis von Weinsäure zu Zitronensäure an, an (kokainfreier) Cocablätter-Tinktur sollte man nicht sparen, dann setzen wir noch Limetten-Destillat, Mimosenbaumrinden-Extrakt und Johannisbrot-Tinktur zu, bis wir nahe genug am real thing sind, ach was, bis wir es transzendiert haben. Zuckerfrei, zitronensauer, zukunftsträchtig: Der Weltmarkt wartet nur auf Meta-Cola, das Getränk an sich.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2007)