Kein Ausschluss für Olympia-Team. Österreich fällt wegen der Dopingvergehen in Turin um eine Million Dollar Fördergeld um. ÖOC-Präsident Leo Wallner wirft dem ÖSV „schwerwiegendes Fehlverhalten“ in der Aufarbeitung des Skandals vor. Peter Schröcksnadel weist alle Vorwürfe zurück und prangert Vorverurteilung der Athleten an.
WIEN. Die Doping-Affäre um österreichische Biathleten und Langläufer bei den Olympischen Spielen 2006 in Turin hat endgültig ihren Höhepunkt erreicht. Nach eigenen Angaben hat das Österreichische Olympische Komitee (ÖOC) einen Ausschluss aller österreichischen Athleten von den Sommerspielen 2008 in Peking und den Winterspielen 2010 in Vancouver gerade noch verhindert. Dennoch brummte das Internationale Olympische Komitee (IOC) Österreich eine saftige Geldstrafe auf: In den kommenden vier Jahren werden Förderungen in der Höhe von einer Million Dollar (741.290 Euro) gestrichen.
Eine so hohe Geldstrafe hat das IOC, das die Million zweckgebunden für den Kampf gegen Doping einsetzen will, bisher noch nie ausgesprochen. Gesperrt wurde bis dato nur Afghanistan nach der Machtübernahme der Taliban (1999–2003). Die IOC-Mitgliedschaft des Irak wurde zeitweilig ausgesetzt (Mai 2003 bis Februar 2004). Südafrika blieb wegen der Apartheid-Politik ausgeschlossen.
Wie gedopt ist Österreich?
Österreich steht seit der „Blutbeutel-Affäre“ von Salt Lake City 2002 auf der „Watchlist“ der Dopingfahnder. Damals hatte Trainer Walter Mayer bei Langläufern die „UV-Therapie“ angewandt. 2006 wurden in Turin im Rahmen der Razzien in San Sicario und Pragelato Spritzen, Nadeln, Blutbeutel und sogar verbotene Substanzen (das Hormon hCG, das Eiweiß Albumin) gefunden. Das IOC reagierte erbost und fordert nun Nachweise, dass Versprechen zur Doping-Bekämpfung auch umgesetzt werden. Mit 30. Juni 2008 wurde vom Exekutiv-Komitee eine Deadline festgesetzt: Etwas mehr als ein Monat vor Beginn der Spiele in Peking muss Österreich vorweisen, dass es „Doping-frei“ ist.
Machtkampf ÖOC – ÖSV
Während sich die Politik tunlichst bemüht, die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen und eine Novelle zum Anti-Doping-Gesetz im parlamentarischen Sportausschuss verabschiedete, tobt zwischen ÖOC und ÖSV ein Machtkampf. Er dreht sich vor allem um Skiverbandschef Peter Schröcksnadel, der bereits erklärte, während der restlichen Dauer der Untersuchung seine Position als ÖOC-Vizepräsident ruhen zu lassen. Er wies alle finanziellen ÖOC-Forderungen „entschieden“ zurück und protestierte gegen die „Vorverurteilung“ der Athleten. Zudem will er eine „unabhängige Untersuchungskommission“ einsetzen – 15 Monate nach den Razzien und nachdem bereits IOC, ÖSV und ÖOC die Turin-Causa durchleuchtet und beurteilt haben.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2007)