"Der Menschenfeind" im Grazer Schauspielhaus: Ein junges Ensemble tändelt mit Molières Galle.
Der Himmel im Hintergrund der Bühne des Grazer Schauspielhauses wechselt im Verlauf der Komödie die Farben: erst blau, dann grün, dann rot, schließlich grau. Am Schluss ist tatsächlich das tragische Lebensgefühl des Titelhelden offenbar – Tristesse. „Ich hasse alle, alle“, sagt Alceste (Jan Thümer). Er hat eineinhalb Stunden unter der trügerischen Gesellschaft gelitten, er ist ein kompromissloser Mensch geblieben, deshalb scheint es gerecht, dass er die junge Gesellschaftsdame Célimène (Martina Stilp) nicht bekommt, die er zwingen will, sich mit ihm aus Paris zurückzuziehen. „Wer zwanzig ist, den schreckt die Einsamkeit“, so weiß sie seinem Werben zu entgegnen.
Regisseur Patrick Schlösser, dessen Inszenierung am Dienstag in Graz Premiere hatte, arbeitet geradlinig auf diesen eindeutigen Schluss hin, der in Molières Text vielleicht gar nicht so endgültig ist. Mit Lässigkeit bewegen sich die Figuren, wenig Spielraum haben diese Charaktere. Freund Philinte (Dominik Maringer) ist selbstlos bemüht um den Menschen-Hasser, er bekommt zum Lohn die für Alceste schmachtende Eliante (Andrea Wenzl). Beide geben ihren Part ganz artig. Effektvoller aber präsentiert sich Dominik Warta als Schnösel Oronte, ein junger Manager, der in der Dichtkunst dilettiert. Acaste (Max Mayer) und Clitandre (Franz Josef Strohmeier) gehören auch zu diesem Society-Typ, wenn auch etwas weniger differenziert gespielt. Sie sind Wesen der reinen Oberfläche, und so war das wahrscheinlich auch intendiert.
Ein wenig mehr Charakter darf Frederike von Stechow, giftig in grünem Kleid, als bigotte Arsinoé entwickeln, wie überhaupt die Frauen nicht nur mit Leichtigkeit, sondern auch mit ein wenig Herz auftreten. Stilp ist eine prächtige Kokotte mit steil geföhnter Frisur, die zwischen Flirt und Erstaunen schwankt. Man wartet nur darauf, dass sie ihr Wesen öffnet. Aber wem? Thümer wirkt seltsam verkrampft, etwas mehr Hass hätte sich dieser biedere Alceste wohl zutrauen dürfen. Er und Maringer kämpfen auch ein wenig mit der glatten Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens. Das ist fast verzeihlich. Reimende Verslein, die ihren Sarkasmus gut verstecken, sind sehr schwer auf natürliche Weise vorzutragen.
Alles in allem hat dieses junge Ensemble eine flotte Komödie hingelegt, beschwingt wie zwischen den Akten die Tänzchen im Dunklen, die den gestrigen Chic der Sechzigerjahre verströmen. Diese Inszenierung ist so klar gebaut wie das Bühnenbild von Paul Lerchbaumer: Helle Bohlen, zwei Sessel, Buschwerk an der Seite. Auf zum Publikum geneigten Brettern spielt sich die Tändelei ab. Die Gesellschaft ist versiert im Bussibussi, ihr Treiben wird zuweilen vom Verkehrslärm überlagert. Nur eine lockende Frauenstimme im Off weiß von der Sehnsucht, unter der vielleicht auch Alceste leidet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2007)