Der wahre Skandal: Die Untätigkeit des ÖSV

Österreich hat ein gestörtes Verhältnis zu Doping. Die Olympia-Skandale liefern dafür das allerbeste Beispiel.

Salt Lake City und Turin sind seit den Olympischen Winterspielen 2002 und 2006 für Österreicher für immer mit durchaus prägenden Begriffen verbunden: Blutbeutel, Spritzen, Nadeln und Razzien. Die Volksseele schrie laut auf, weil unsere Sport-Helden nie und nimmer dopen, und vor allem: Das machen doch alle anderen auch! Warum also sind wir immer die Bösen und werden nach Blutbeuteln gefilzt?

Warum wurden Athleten des Österreichischen Skiverbandes (ÖSV) aber gleich zweimal erwischt? Wieso wurden nach dem ersten, im internationalen Vergleich sehr patscherten Vorfall – damals wurden die Blutbeutel von einer Putzfrau im Mistkübel gefunden – nicht gleich Konsequenzen gezogen? Warum gerieten die Trainer und Ärzte von 2002 auch 2006 ins Rampenlicht? Sind wir im Skisport wirklich die von allen Ländern gejagte, wegen unserer Erfolge so gehasste Nation, sodass „den anderen“ wirklich jedes Mittel recht ist, um uns zu schaden? Oder sind wir einfach nur zu naiv, um zu realisieren, dass vielleicht doch Einzelpersonen nachgeholfen haben?

Österreich ist ein Wiederholungstäter – im Doping. Deshalb setzte es eine Geldstrafe, deshalb ermitteln IOC und Italiens Staatsanwaltschaft noch immer. Die Funde von Spritzen, Blutbeuteln und anderem Infusionsbesteck sprechen eine deutliche Sprache – dieses Material gehört ja nicht zur Standardausrüstung eines Spitzensportlers –, doch der ÖSV klammert sich bis dato daran, dass kein konkreter Dopingfall bewiesen worden sei. Obendrein waren ja alle Dopingtests negativ.

Dass dem Code der Welt-Anti-Doping-Agentur zufolge allein der Besitz solcher Materialien genügt, um Sanktionen zu verhängen, wurde nicht ernst genommen, sondern unter den Tisch gekehrt – stets unter der Berufung, nichts darüber zu wissen, respektive der Vermutung, dass eine hinterhältige Verschwörung im Gange sei. So lange, bis das IOC Fakten mitsamt der polizeilichen Berichte auf den Tisch legte.

Dann kam das große Staunen. Aber erneut blieben Reaktionen, wie sie im internationalen Geschäft üblich wären – alle andern dopen ja auch, wie wir wissen –, aus. Besser noch: Genau die mit Spritzen und Nadeln erwischten Langläufer scheinen im Kader der kommenden Weltcup-Saison auf. Da platzte den Olympiern der Kragen.

Dass es aber überhaupt so weit kommen konnte, verdankt unser Land seiner sozialen Kultur. Denn der ÖSV erhielt aus Medienkreisen und der Politik immer Rückendeckung. Um nicht ganz mit leeren Händen dazustehen, wurde vom Skiverband immer ausgeschildert, dass nach Olympia 2006 ja ohnehin die Trainer Walter Mayer und Emil Hoch suspendiert und der Langläufer Johannes Eder – er hatte sich eine Kochsalzlösung selbst gesetzt – gesperrt wurden. Und nachdem die beschuldigten Biathleten Wolfgang Perner und Wolfgang Rottmann ihr Karriereende erklärt hatten, fielen sie ja nicht mehr in die Gerichtsbarkeit des ÖSV. Billigere Ausreden gibt es nicht, das PR-Problem war vom Tisch – nicht aber die Praktiken in den Teams.

Dass der ÖSV bis heute den Doping-Vorfall von Turin mit aller Kraft nicht als solchen wahrhaben will, spricht außerordentlich für die Solidarität von ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel, hinterlässt aber angesichts der vorliegenden Fakten und Folgen einen schalen Nachgeschmack. Natürlich muss sich ein Präsident vor seine Schützlinge stellen und mit aller Gewalt versuchen, jedwedes Unheil abzuwenden. Nur: Gibt es nach der Vorlage der IOC-Dokumente und der 1-Million-Dollar-Geldstrafe tatsächlich noch etwas zu verteidigen? Oder wäre es nicht an der Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen und einen Neubeginn zu starten – wozu ein Rücktritt von Schröcksnadel von der Vizepräsidentschaft im Österreichischen Olympischen Komitee einen guten Auftakt darstellen würde?


Finnland überzeugt nicht nur in Pisa-Studien, sondern lieferte auch das beste Lehrbeispiel, wie man rigoros einen Dopingfall „ausradiert“. Nach dem Skandal bei der Heim-WM 2001 – das komplette Herren-Langlaufteam war gedopt – wurden alle Beteiligten gefeuert und verschwanden nicht nur auf staatliches Geheiß hin von der Bildfläche. Heute spricht kaum noch einer davon, und der Sport hat sich erholt. Deutschlands Radstars legen gerade der Reihe nach Geständnisse und Beichten ab, sie ernten dafür Respekt und Anerkennung. Nicht, weil sie gelogen und betrogen haben, sondern endlich reinen Tisch machen. Druck, Beweislast und Selbstzweifel sind zu groß geworden – jede Glaubhaftigkeit ist zudem längst dahin. Österreich hinkt auch in dieser Studie hinten nach.

Turiner Doping-Affäre und die Folgen Seite 1
Das Imperium Peter Schröcksnadel Seite 2
Dämpfer für Salzburgs Olympia-Hoffnungen Seite 2


m.datler@diepresse.at("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.05.2007)

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