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Die Ehre des Kopisten

Jahrhundertelang haben Mönche Texte von Hand übertragen, ohne dass ihre Ehre gelitten hätte.

Diesen Freitag habe ich mir einen freien Vormittag gegönnt, um zwischen Frühstück und Lunch eine Dissertation zu schreiben. Es ging mir leicht von der Hand. Das Thema lag sozusagen in der Luft: „Transzendenz des Scheins. Hegels okzidentale Rationalität im Zeitalter der totalen Reproduzierbarkeit.“ 1453 Seiten sind es geworden, inklusive 1781 Fußnoten. In der Vorrede habe ich mich bei 666 Professoren bedanken müssen (meinen Vordenkern), bei Dr. Google und Professor Yahoo (meinen Lieferanten) und auch bei meiner Frau, die das gewaltige Werk von 8.12 Uhr bis 11.48 duldend unterstützt hat.

Ich musste mich einschränken, sonst wäre das Produkt von „Copy and Paste“ aus Tübingen, Oxford und Wien für den flüchtigen Leser zu unübersichtlich geworden. Meine These: Die Geisteswissenschaften sind so sehr mit der Rezeption und dem Paraphrasieren von Sekundärliteratur beschäftigt, dass sie darüber das Lesen und vor allem auch das Denken vernachlässigen. Selbstverständlich ist mein Buch amerikakritisch, wertkonservativ und unter Zuhilfenahme eines umfangreichen Fremdwörterbuchs entstanden.

Eine erschreckende, schonungslose Analyse liegt nun also vor, die hoffentlich gesellschaftspolitische Konsequenzen hat. Nur aus diesem Grund widme ich meine „Transzendenz des Scheins“ Dr. Alfred Gusenbauer, Dr. Johannes Hahn, Professor Alexander Van der Bellen und Dr. Jörg Haider. Vielleicht können sie mir bei der Suche nach einem Verlag behilflich sein? Die wissenschaftlichen Schriften dieser vier Gelehrten sind in meinem Werk ausführlich und korrekt zitiert. Das soll sie ermuntern, eine strenge Verordnung zu schaffen, die das Lesen fördert und das Schreiben einschränkt.

Deshalb appelliere ich vor allem an die jungen Leser der „Presse“: Nehmen Sie sich Zeit für dieses „Gegengift“, belassen Sie es nicht beim Überfliegen! So viele Perlen der Rezeptionsästhetik sind darin versteckt! Die meisten der Jungen haben sie ja nicht mehr gekannt, die Zeit vor der Erfindung des Internet und des PC, als sich die Studenten lustvoll in ein Buch vertieften, es wieder und wieder lasen, bis sie es nicht nur paraphrasieren, sondern sogar auswendig zitieren konnten. Meine „Deutsche Grammatik“ von Jacob Grimm zum Beispiel – völlig zerlesen, die Ränder mit Notizen in Sütterlin übersät. Oder „Faust II“, der Buchrücken fehlt schon – jeder Satz ein Treffer: „O Gott, beschwichtige die Gedanken, Erleuchte mein bedürftig Herz!“

Damals hatte man noch Muße. Man war auch nicht so zimperlich beim Abschreiben. Dramen exklusiv von William Shakespeare? Lächerlich! Holinshed, Livius, Seneca, seitenweise abgeschrieben, und ganz ohne Fußnoten. Warum sollte man im Zeitalter der Vernunft darauf verweisen, dass ein Zitat aus der Bibel oder von Homer stammt? Das wusste ohnehin jeder. Auch ich will ganz offen sein: In der Defensio meiner „Transzendenz des Scheins“ sei ausdrücklich das Lob des Kopisten festgehalten. Jahrhundertelang haben fleißige Mönche heilige und scheinheilige Texte von Hand übertragen, ohne dass ihre Ehre darunter gelitten hätte. Sie kannten wohl auch gut das Buch Kohelet: Nichts Neues unter der Sonne. Und alles nur Schein.


norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2007)