Interview: „ÖOC: Richtige Schritte setzen“

Interview. Thomas Bach, Chef der IOC-Disziplinar- kommission, über die Doping-Affäre Turin, Fakten, Sanktionen und den fehlenden Glauben an ein „worst-case“-Szenario.

Die Presse: Herr Bach, als Vorsitzender der IOC-Disziplinarkommission wissen Sie ja Bescheid: Ist die Turin-Causa wirklich so schlimm? Wie beurteilen Sie diese Doping-Affäre?

Thomas Bach: Die Entscheidung der Disziplinarkommission spricht für sich selbst. Sie können unseren Unterlagen entnehmen, dass diese Vorgänge schon seit Salt Lake City 2002 laufen, und auch jetzt in Turin 2006 passierten. Sie können Anzahl, Umfang und Qualität der von der italienischen Polizei beschlagnahmten Materialien detailgenau in den Unterlagen sehen. Sie können unserem Bericht das Verhalten von Athleten und Offiziellen entnehmen. Das bedarf alles keines weiteren Kommentars.

Wenn man solche Materialien, also Spritzen, Nadeln, Blutbeutel etc. bei Athleten findet, hat das nur einen Zweck – nämlich Doping?

Bach: Die Entscheidung der Kommission steht für sich selbst, auch hier noch einmal. Die Regeln sind auch für alle klar und die besagen: Der Besitz solcher Materialien alleine ist nach der Anti-Doping-Regeln des IOC strafbar.

Wie knapp ist Österreich tatsächlich nun einem Olympia-Ausschluss entgangen? Stand wirklich eine so scharfe Sanktion im Raum, dass Österreich bei Olympia 2008 und 2010 hätte zuschauen müssen?

Bach: Sie werden verstehen, dass ich über die Beratungen innerhalb der Disziplinarkommission keine Auskünfte geben werde. Sie wissen aber auch aus den Veröffentlichungen, dass die Entscheidung, so wie sie jetzt steht, einstimmig gefallen ist...

Wurden jetzt definitiv Personen genannt, die zu sanktionieren sind, oder nicht? Was passiert, wenn Peter Schröcksnadel nicht aus dem ÖOC zurücktritt?

Bach: Wir jedenfalls, ich für meine Person kann das sagen, haben volles Vertrauen in das ÖOC und auch, dass es jetzt die richtigen Schlüsse ziehen wird. Welche das im Einzelnen sind und wie das bewerkstelligt wird, das ist Sache des ÖOC! In die werden wir uns nicht einmischen!

Fühlte sich das IOC durch die Vorgangsweisen des ÖOC oder des ÖSV provoziert? Wer ist Ihrer Meinung nach eher der Verantwortliche?

Bach: Wir begrüßen ausdrücklich die Tatsache, dass das ÖOC seine eigene Untersuchungskommission schon unmittelbar nach den Vorfällen von Turin eingerichtet hat und dass es diese Kommission jetzt wieder zusammengerufen hat. Daher habe ich persönlich großes Vertrauen in das ÖOC und seinen Präsidenten Leo Wallner, dass hier die richtigen Schlüsse gezogen werden. Was zur Verantwortlichkeit gesagt worden ist, steht in der Entscheidung.

Gibt es Ihrer Meinung nach Unterschiede bei Doping-Praktiken? Unterscheiden sich also Österreichs Blutbeutel von denen, die im Radsport beim spanischen Arzt Fuentes gefunden worden sind?

Bach: Unterscheiden? Beides sind doch Blutbeutel – ich verstehe Ihre Frage eigentlich nicht. Aber unsere Entscheidung beruht auf den Fakten und den Dokumenten der italienischen Behörden. Alles andere ist Spekulation! Man muss sich hier an den Realitäten orientieren und das haben wir auch getan.

Ist es nicht erschreckend, wenn man bei Athleten solche Sachen findet?

Bach: Für mich als ehemaligen Athleten ist das schon beklemmend. Aber auch in diesem Punkt haben wir alles ganz genau aufgelistet, sodass all unsere Schritte transparent nachvollziehbar sind.

Was wäre der worst case, würde das ÖOC nun tatsächlich nicht bis 30. Juni 2008 reagieren und Österreichs Sport „gesäubert“ haben?

Bach: Ich habe keinen Anlass, daran zu zweifeln, dass das ÖOC nicht die richtigen Schritte unternehmen wird.

Hat diese Affäre jetzt auch irgendwelche Auswirkungen auf Salzburgs Olympia-Kandidatur 2014?

Bach: Nach meiner persönlichen Meinung hat das keinen Einfluss.

ZUR PERSON

Thomas Bach wurde am 29. Dezember 1953 in Würzburg geboren. Er ist Jurist und Sportfunktionär, seit Februar 2006 Vizepräsident des IOC und seit Mai 2006 Präsident des Deutschen Sportbundes.

Der ehemalige Fechter – er wurde Team-Olympiasieger im Florett 1976 in Montr©al – leitete die Untersuchungskommission des IOC in der Turin-Affäre. [APA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.05.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.