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Verkehr: Jedes achte Unfallopfer unter Drogen

Eine aktuelle Studie belegt: 12% der Verletzten konsumierten illegale Drogen, 27% standen unter Medikamenteneinfluss. Österreichische Unfallchirurgen fordern nun verpflichtende Drogentests für alle Patienten.

Wien.Zwölf Prozent der verletzten Verkehrsunfall-Opfer konsumierten vor dem Crash illegale Drogen. Weitere 27 Prozent standen zum fraglichen Zeitpunkt unter dem Einfluss von starken Medikamenten, die das Fahrverhalten beeinträchtigen können. Das ist das Ergebnis einer der „Presse“ exklusiv vorliegenden Studie der Österreichischen Gesellschaft für Unfallchirurgie zum Thema Drogenmissbrauch im Straßenverkehr.

Wie bedeutend die Zahlen sind, zeigt ein Blick in die Unfallbilanz der Statistik Austria. 2006 verletzten sich auf Österreichs Straßen 51.930 Personen. Bei 3565 davon, das sind etwa sieben Prozent, war Alkohol im Spiel. Unfallchirurgen führten nun an 664 Unfallopfern Drogen- und Medikamententests durch. Bei 263, das sind 39 Prozent, verlief der Test positiv.

„Dabei ist der Anteil in der Realität vermutlich sogar noch größer“, glaubt Walter Buchinger, Co-Autor der Studie und Leiter der Unfallchirurgie am Landesklinikum Horn (Niederösterreich). Grund: Untersucht wurden ausschließlich Verletzte, bei denen eine Operation notwendig war. Die weitaus größere Gruppe der Leichtverletzten blieb unberücksichtigt. Um einen möglichst repräsentativen Querschnitt aller Unfallopfer zu erhalten, wurden die Tests an drei Unfallambulanzen vorgenommen, die für das unterschiedliche Unfallgeschehen in der Großstadt (Lorenz Böhler Unfallkrankenhaus Wien), der Stadt (UKH Linz) und am Land (Horn) stehen.


Beliebte Beruhigungsmittel

Die Studie „Drogenscreening im Harn bei Frischverletzten“ (so der genaue Titel) ist europaweit deshalb so einzigartig und aussagekräftig, weil die Probanden im Gegensatz zu anderen Studien nicht gefragt wurden, ob sie auf Drogen untersucht werden wollen (was Drogenkranke in der Regel verneinen). Abgesehen vom eingehaltenen Datenschutz räumten die Autoren ethische Bedenken gegen ihr Vorgehen mit dem Argument aus, dass nur so eine sichere Anästhesie und Operation möglich gewesen sei. Buchinger: „Für die Verabreichung von Betäubungsmitteln und Medikamenten ist es notwendig, zu wissen, was der Patient zuvor konsumiert hat.“

Nicht untersucht wurde die Drogen- und Medikamentenkonzentration. Somit kann nicht eindeutig festgestellt werden, ob der Konsum auch Ursache für den Verkehrsunfall war. Die am häufigsten konsumierten Substanzen stammen aus der Gruppe der Benzodiazepine, das sind (legale) Beruhigungsmittel, die insbesondere von älteren Menschen eingenommen werden.

Als Konsequenz ihrer Untersuchung fordern die Unfallchirurgen nun verpflichtende Drogentests für alle stationär behandelten Patienten, um die Behandlung zu optimieren und auch, um eine Drogentherapie anbieten zu können.

Drogenlenker kann man übrigens viel weniger leicht aus dem Verkehr ziehen als Alkolenker. Bisher evaluierte Testgeräte waren zu fehleranfällig. Außerdem darf ein Polizeibeamter einen Lenker nur bei begründetem Verdacht auf Drogenkonsum untersuchen lassen. Dies muss dann ein Amtsarzt in einem langwierigen Verfahren durchführen.

Die Zahl der überführten Drogenlenker ist in den vergangenen Jahren nach besonderen Beamten-Schulungen gestiegen. Waren es in Wien im Jahr 1996 noch 100, wurden 2006 bereits 600 Lenker des Drogenkonsums überführt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2007)