Turiner Folgen – eine schwere Geburt

Das ÖOC verweigert in Zukunft 13 Trainern, Ärzten und Serviceleuten die Olympia-Akkreditierung. ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel trat aus dem ÖOC aus.

WIEN. ORF-Kameras surrten und zwölf Fotografen hatten sich im Schubert-Saal des Hotel Intercontinental in Stellung gebracht, um ja jede Mimik und Bewegung bei der Doping-Pressekonferenz festzuhalten. Dabei war die Spannung längst verflogen, als ÖOC-Präsident Leo Wallner das Podium betrat – zu diesem Zeitpunkt war längst publik gewesen, dass ÖSV-Chef Peter Schröcksnadel seine Vizepräsidentschaft im ÖOC „freiwillig“ zurückgelegt hatte. Eine Vertrauensbasis sei nicht gegeben und er habe erkannt, „dass ich mich als ÖOC-Funktionär nicht eigne.“ Damit gehörte die TV-Bühne einzig und allein Wallner.

Eineinhalb Stunden habe sich der ÖOC-Vorstand über die Vorfälle in Turin und nach der IOC-Aufforderung zu ziehenden Konsequenzen beraten. „Alle Entscheidungen wurden einstimmig getroffen“, erklärte Wallner und, dass 13 ÖSV-Betreuer, Ärzte und Serviceleute (siehe Grafik) vom ÖOC nicht mehr für Olympia akkreditiert werden. Auch sollen künftig alle des Dopings verurteilten Personen ausgeschlossen bleiben – eine Tatsache, die Hans Knauss (der Ex-Skifahrer arbeitet als TV-Kommentator) betrifft.

Wallner kein „Seelenforscher“

Die 1-Million-Dollar-Geldstrafe werde der ÖSV übernehmen, ohne Forderungen daran zu knüpfen, fuhr Wallner fort. Das Geld werde nach Lausanne überwiesen, „als nette Geste“, um es im Kampf gegen Doping wohl investiert zu wissen. Ferner sollen rigorosere Kontrollen in ÖOC-Regie erfolgen, sollten Athleten in Außenquartieren wohnen. „Vertrauen ist nach zwei Vorfällen nicht mehr gegeben“, sagt Wallner, der Schröcksnadels Rücktritt akzeptierte. Wie es dem Tiroler dabei ergangen sei, wusste Wallner nicht. „Ich betreibe ja keine Seelenforschung“.

Dem ÖOC gehe es darum, den Sport in den Vordergrund zu rücken. Mit der Umsetzung aller IOC-Forderungen sei dies gelungen. Warum es aber nicht früher geschehen ist? Wallner: „Es sind immer Anlässe notwendig. Die Hauptsache ist, dass es in Zukunft nicht mehr passiert und kein Schaden mehr entsteht.“

Während der ÖSV eine Klage gegen Doping-Experten Hans Holdhaus anstrebt – er hatte bezweifelt, dass die ÖSV-Spitze über die Doping-Vorgänge nicht Bescheid gewusst hatte – werden die Folgen der ÖOC-Sperren analysiert. Heute tagt der ÖSV-Disziplinarausschuss, Aktive und Trainer sind geladen, erklärt ÖSV-Vizepräsident Klaus Leistner. „Wir akzeptieren die ÖOC-Entscheidung. Es wird jetzt keinen Hüftschuss geben. Denn wer nichts verbrochen hat, bekommt auch keine Strafe!“ Damit steht fest: Die Turin-Affäre ist also noch lange nicht erledigt.

BALL LIEGT BEIM ÖSV

Der ÖSV muss bis 30. Juni 2008 im eigenen Lager der Biathleten und Langläufer „aufräumen“ und dann einen Lösungsvorschlag für künftige Winterspiele vorlegen. Heute bereits tagt der eigene Disziplinarausschuss.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.05.2007)

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