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Die Parallelen schneiden sich

Der Arzt und Hormonforscher Paul Engel aus Wien, der sich als Autor Diego Viga nannte: dringlicher Hinweis auf einen großen österreichischen Erzähler.

Wenn man nur was aufsprengen,rückgängig machen könnte. Die Ignoranz, das Desinteresse, die blöde Präpotenz. Stattdessenein bescheidener Hinweis aus Anlass eines runden Geburtstags, den kaum wer erlebt, nicht einmal der langlebige Arzt und Hormonforscher Paul Engel aus Wien, der sich als Schriftsteller Diego Viga nannte, kleine Hommage an das Land seiner Zuflucht, geschuldet der Begeisterung, mit der er schon als Kind auf Berge geklettert war: Largodiego und Viga, so heißen zwei Gipfel im Osten der Stadt Bogotá.

Zum Beispiel 1969. Das Jahr, in dem Vigas 700 Seiten starker Roman „Die Parallelen schneiden sich“ veröffentlicht wurde. Aber in der Bibliografie 1969 erschienener Bücher deutschsprachiger Autoren, im ansonsten doch zuverlässigen „Tintenfisch“, Wagenbachs Jahrbuch für Literatur, ist er nicht angeführt. Weil man Diego Viga für ei-
nen spanischen oder lateinamerikanischen Schriftsteller hielt. Oder weil einem, den die Nazis ausgebürgert hatten, nach drei Jahrzehnten sogar die Muttersprache verboten wurde. „Es ist tragisch“, schreibt Konstantin Kaiser in einer Würdigung des Schriftstellers Alfredo Bauer, der mit Viga über den Arztberuf hinaus einiges gemeinsam hat, „dass sich die Autorinnen und Autoren, die aus dem zur Ostmark gewordenen Österreich vertrieben wurden, nach 1945 aus den verschiedensten Weltteilen auf eine gemeinsame Mitte bezogen, die jedoch leer blieb: In Österreich wurde das Phänomen einer weiterhin existierenden, produktiven, einen großen Beitrag liefernden Exilliteratur jahrzehntelang kaum wahrgenommen.“

Diego Viga war einer der produktivsten österreichischen Exilautoren. Zwischen 1955und 1987 hat er auf Deutsch 15 Romane und Erzählungen veröffentlicht, dazu eine naturwissenschaftlich-philosophische Abhandlung, und die meisten sind, in einer fast schmerzlichen Intensität, auf jene Mitte gerichtet, deren Leere der Exilforscher Kaiser beklagt. Denn sie wenden sich voll Vertrauen an ein Gegenüber, das in der Beschäftigung mit ihnen erfahren könnte, dass es nicht allein in der Welt dasteht.

Dies gilt vor allem für den schon erwähnten Roman mit dem trotzigen Titel, an dem Viga nach der ersten Niederschrift immerhin 25 Jahre lang gefeilt hat. „Die Parallelen schneiden sich“ ist ein polyphones Kunstwerk, Familien- und Zeitroman in einem, auch Psychogramm einer Generation und innerhalb dieser einer ganz bestimmten sozialen Schicht – junges Wiener Bürgertum, tätig, skeptisch, sportlich, außerdem akademisch gebildet. Es teilt seine Erlebnisse wie Empfindungen in Form innerer Monologe mit, die miteinander verschränkt sind. Der Schriftsteller Volker Ebersbach hat zu Recht auf das Vorbild Arthur Schnitzlers verwiesen, auf „Reigen“ und „Leutnant Gustl“, und angemerkt, dass Vigas junge Protagonisten gleichsam über zwei Augenpaare verfügen. Das eine sei in ihr Inneres und, soweit sie dazu fähig seien, in ihr Innerstes gerichtet, so dass sie sich selbst preisgeben bis in die letzten Windungen ihres Wesens, das anderewerfe scheue Blicke auf den Leser. Die Handlung setzt wenige Monate vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler ein, im Schnellzug von Wien nach Berlin, und endet im Mai 1945, mit der Nachricht von der bedingungslosen Kapitulation Nazideutschlands, im kolumbianischen Exil. In der Gestalt des Arztes Johannes Kramer ist Engel/Viga sich selber auf der Spur, selbstbewusst, aber ohne Anflug von Eitelkeit, ehrlich genug, auch Fehler, Unterlassungen, Charakterschwächen zu benennen. Er ist sich treu geblieben und hat sich doch gewandelt – vom ehrgeizigen Wissenschaftler zum Schriftsteller, der den Menschen auch in kleinen Dingen nützlich sein will. Mittendrin, schon im Exil, wo „alles in Fluss ist, überall Bewegung“, wird Johannes von einem sonderbaren Gedanken erschüttert: „Sollte ich vielleicht ein besserer Mensch sein, als ich gedacht habe? Ich wollte einmal ein guter Arzt werden, dann ein guter Wissenschaftler und Lehrer, und jetzt möchte ich vor allem ein guter Schriftsteller sein... Aber ein guter Mensch? Das wäre mir niemals eingefallen.“


Der Erfinder dieses guten Menschen wurde am 7. Juni 1907 in Wien-Alsergrund geboren,als ältester Sohn eines jüdischen Kleiderfabrikanten, studierte nach dem Besuch des Wasagymnasiums Medizin, promovierte im Februar 1933 und absolvierte anschließend das Praktikum an der II. Chirurgischen Universitätsklinik. Gleichzeitig setzte er seine endokrinologischen Versuche fort, deren Ergebnisse in Fachzeitschriften schon seit Längerem publiziert worden waren. Da er aufgrund der antisemitischen Hetze an den österreichischen Universitäten mit keiner fixen Anstellung rechnen konnte, nahm er 1935 einen schlecht bezahlten Posten am Hospital Pasteur in Montevideo an. Ihm war klar, dass Europa auf einen Krieg zusteuerte. Aber die Pläne, seine Freundin Josefine Monath, die er per Ferntrauung geheiratet hatte, nachkommen zu lassen, zerschlugen sich, deshalb kehrte er nach einem halben Jahr nach Wien zurück.

Dank einer ungarischen Heilmittelfirma, die ihn zu ihrem Ärztevertreter in Kolumbienernannte, konnte er kurz nach dem deutschen Einmarsch relativ unbehelligt ausreisen. In Bogotá gelang es ihm, Einreisevisa für seine Frau, deren Eltern und seine nächsten Angehörigen zu besorgen. Schon nach wenigen Monaten wurde er auf den Lehrstuhl für Biologie an der fortschrittlichen, von konservativen Kreisen angefeindeten Universidad Libre berufen, was ihm zwar allerlei Arbeit und Ehre, aber kein regelmäßiges Gehalt einbrachte. An der Universität lernte er Jorge Eliécer Gaitán kennen, Kolumbiens linken Politiker, dessen Ermordung im April 1948 jene Welle der Gewalt auslöste, die bis heute anhält. NachdemKolumbien Deutschland den Krieg erklärt hatte, war Engel bei den Behörden vorstellig geworden, um als Freiwilliger am Kampf gegen das Hitlerregime teilzunehmen, und mit Dank und Händedruck wieder nach Hause geschickt worden: Falls es zu militärischen Aktionen seitens Kolumbiens kommen sollte, würde man sich seiner erinnern.

Paul Engel wäre, nach der Befreiung von der Naziherrschaft, einer der wenigen Emigranten gewesen, die in Österreich eine ihren Fähigkeiten entsprechende Tätigkeit gefunden hätten, jedenfalls machte ihm der damalige Rektor der Universität Wien Hoffnung auf den Lehrstuhl für allgemeine und experimentelle Pathologie. Josefine drängte auf Rückkehr, sie hatte sich in Bogotá nie heimisch gefühlt.

Aber da waren die Kinder, die in Kolumbien zur Welt gekommen waren, die Zweifel, ob sie sich an österreichische Verhältnisse gewöhnen würden. Und da war, vielleicht auch, Engels Lust an Abenteuern, sein Tatendrang, die unstillbare Neigung zu reisen, sich in entlegenen Gegenden umzuschauen, neue Erfahrungen zu machen. Als Vertreter hatte er auch die übrigen Andenländer bereist, unter beschwerlichen Umständen, die ihn nicht abschreckten. Die soziale Kluft, das herrschende Unrecht, der rassistische Dünkel der Oberschicht waren ihm zuwider, vermochten seine Zuversicht aber nicht zu lähmen. „Wer einmal in einem lateinamerikanischen Land gelebt hat, ist für Europa verloren“, sagt Johannes Kramer im „Parallelen“-Roman. Und kurz davor: „In Südamerika geht mich die Politik nichts an. Dort bin ich Ausländer, geduldet zwar nur, doch nicht verpflichtet teilzunehmen.“

1950 übersiedelte Engel mit seiner Familie nach Quito – eine Entscheidung, die er nie bereut hat. „In Kolumbien“, schrieb er einmal, „hatten sich viele Menschen freundschaftlich gezeigt; in Ekuador waren und sind wir mit Ekuadorianern befreundet. Und viele wurden mir wichtiger als geborene Europäer. Manche gingen in der einen oder anderen Form auch (entsprechend verarbeitet und verändert, niemals als Porträt) in meine späteren Werke über.“

Paul Engel hat gelegentlich, und mit leisem Bedauern, angemerkt, dass er zu spät als Schriftsteller hervorgetreten ist. Dabei hatte er noch in Wien, als junger Arzt, zu schreiben begonnen, ein Tagebuch geführt, das wie viele Tagebücher daran krankte, dass sein Verfasser sich selbst zu wichtig nahm. (In den „Parallelen“ gibt es eine Stelle, in der Johannes Kramer in komischer Verzweiflung ausruft: „Ausgerechnet mein eigenes Tagebuch habe ich als Nachtdienstlektüre mitgenommen, ich Trottel.“ In Bogotá versucht er sich an Essays – und diesmal ist es Anna, das heißt seine Frau Josefine, die das Ergebnis kritisch kommentiert: „Er denkt, statt zu beobachten.“) Die Urfassung seines Epochenromans entstand Anfang der Vierzigerjahre. Er bot ihn, vergeblich, Alfred A. Knopf in New York an, schickte ihn dann, nach Kriegsende, an den Erwin Müller Verlag in Wien. Dessen Cheflektor Oskar Maurus Fontana nahm das Manuskript an, aber bevor es erscheinen konnte, war der Verlag bankrott.


In Bogotá hatte sich das Ehepaar Engel mit Katja und Erich Arendt angefreundet, deutschen Kommunisten, die in Spanien aufseiten der Republik gekämpft hatten. Erich Arendt, der bedeutende Lyriker und Übersetzer, war einer der Ersten gewesen, der den Roman gelesen, scharf kritisiert und zugleich den Verfasser zum Weitermachen ermuntert hatte: „Das Buch wäre gut, wenn es nicht so schlecht geschrieben wäre!“ Arendt war es auch, der sich nach seiner Rückkehr aus dem Exil in der DDR um einen Verlag für seinen fernen Freund bemühte. Im Roman „Das verlorene Jahr“, das die „Parallelen“ in die Jahre 1947 und 1977 fortschreibt, lässt Viga sein Alter Ego Johannes Kramer sagen: „Daraufhin ersuchte ich meinen glücklosen Wiener Lektor und Freund, das Manuskript an den Verlag in der Deutschen Demokratischen Republik zu schicken. Entsetzte Antwort – auch dieser fortschrittliche Mann war nicht einverstanden. ,Sie sperren sich doch den Weg in die westliche Welt, wie können Sie daran denken...‘“ Aber Engel war es leid, auf dem stetig wachsenden Berg von Manuskripten sitzen zu bleiben. So erschienen in rascher Folge und mehrfach aufgelegt, zuerst bei Paul List in Leipzig, dann im Mitteldeutschen Verlag in Halle, die Romane, nach denen im Westen kein Hahn gekräht hatte. An ihnen besticht der Gerechtigkeitssinn, der Humor, das feine Gehör für Zwischentöne, das immense historische Wissen, das Zusammenspiel von Anschauung und Fantasie. In Österreich ist Diego Viga ein Unbekannter geblieben – bis heute, zehn Jahre nach seinem Tod. Sogar die liebevolle Biografie von Dietmar Felden: „Diego Viga. Arzt und Schriftsteller“, ist, vor 20 Jahren, nur in der DDR erschienen. Warum eigentlich. „Man kommt nie zur rechten Zeit“, sagt ei- ner der Romanhelden in den „Parallelen“. Nie zur rechten Zeit und nicht an den rechten Ort: Drei Jahre nach dem Tod des Schriftstellers wurde sein ostdeutscher Verlag zwangsprivatisiert, einer Firma mit dem sprechenden Namen Management-buy-out zugesprochen. Seither findet man Vigas Bücher nur noch in Antiquariaten und auf Flohmärkten.

Ich finde, es gibt eine gesellschaftliche Verpflichtung, das Werk dieses Vertriebenen zur Kenntnis zu nehmen, zum Nutzen der Leser. Den bedeutenden Roman „Die Parallelen schneiden sich“ neu zu veröffentlichen. Sein ursprünglicher Titel war: „Die Unpolitischen“. Auch das wäre, hierzulande und anderswo, ein Argument dafür, den großen Erzähler an oder nach seinem 100. Geburtstag zu würdigen, nie oder doch zur rechten Zeit. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2007)