Unter die Erde zivilisieren

Der „Wilde“: ein „Vollmensch“, kein unfertiges Wesen – diese These bedeutete eine Wende in der Wissenschaftsgeschichte. Eine Wende, die Bernd Weiler in seiner profunden Unter-suchung zur „Ordnung des Fortschritts“ nachzeichnet.

Die Idee des Fortschritts gehört zu den Selbstverständlichkeiten der westlichen Moderne. Alles ändert sich zum Besseren; vom Niederen zum Höheren, vom Einfachen zum Komplexen. Im 19.Jahrhundert wurde dieses Selbstbewusstsein der Moderne durchdekliniert, nicht zuletzt in der Anthropologie. Die Naturwissenschaften begannen zu definieren, was überhaupt als Wissenschaft zu betrachten war. Weg mit der alten Naturphilosophie, die zu einer tragikomischen Spottfigur herabsank, weg mit dem Universalgelehrten und seinem Bildungsanspruch, weg mit den Kuriositätensammlern und Provinzhistorikern. Es sollte eine neue Methode sein, und sie gebar eine neue Metaphysik.

Die neue Methode war Empirie und Induktion: spezialisierte Kleinarbeit, keine
Debatte über die „großen Fragen“. Schwärmerische Spekulation scheue bloß die Mühsal der nüchternen, empirischen Arbeit. Dem Idealismus der Alten wird der Realismus der Modernen entgegengestellt, der sich freilich zuweilen auf Vorstellungen eines kruden Positivismus, eines biologischen Monismus, eines naiven Formalismus reduziert; zuweilen auch mit nationalistischen Nebentönen. Fakten sammeln als Gebot der Stunde – Synthesebildung und Gesetzesformulierung stünden erst in ferner Zukunft zur Debatte. Nur manche, wie etwa Ernst Haeckel, wollten von Anfang an auf beiden Beinen marschieren, mit Erfahrung und Denken, mit Empirie und Theorie. Die Kritiker warfen den Empiristen vor, in unübersehbaren Datenmengen zu ersticken. Die Empiriker postulierten: Jetzt müsse man in den Schlamm greifen, die Schädel im Laboratorium vermessen, die Werkzeuge systematisieren.

Die neue Metaphysik war die Fortschrittsidee: Unterstützung erhielt sie durch die technischen Errungenschaften des 19.Jahrhunderts, die täglich erlebbar waren und die Kluft zu jenen zurückgebliebenen Territorien und Stämmen noch größer erscheinen ließen, die von den globalen Forschungsreisenden entdeckt und beschrieben wurden. Vielleicht ließen sich die unveränderlichen Gesetze der Menschheit in den frühen Formen einfacher erkennen?

Der Grazer Soziologe Bernd Weiler bietet ein spannendes Panoptikum des 19.Jahrhunderts. Was spielt sich nicht alles innerhalb weniger Jahre ab! Die Entdeckung von Pfahlbauten am Zürcher See und Hallstatt-Dörfern macht die Menschheit schlagartig um vieles älter. Man baut die Eisenbahn über den Semmering. Bei den Gehirnmessungen von Genies, wie etwa am Gehirn von Carl Friedrich Gauß, stellt man ver- blüfft fest, dass da gar nicht so viel mehr Hirnmasse war als bei gewöhnlichen Zeit-genossen. Die Weltumsegelung der Fregatte Novara und die Reisen von Stanley und Livingstone. Berichte über die Maori und die Doko. Die Auseinandersetzung darüber, ob unterschiedliche Rassen „geschaffen“ worden seien oder das Menschengeschlecht eine Einheit bilde; ob Mischlinge gleich lebenskräftig seien wie ungemischte Rassen; ob die Primitiven überhaupt bildungsfähig seien; wie nahe uns die Affen stünden.

Sie treten alle auf, die illustren Gestalten: Emil Du Bois-Reymond, Justus von Liebig, Adolphe Quetelet, William Sumner, Herbert Spencer, Ludwig Gumplowicz, David Livingstone, Rudolf Virchow, Adolf Bastian, Theodor Waitz, Friedrich Ratzel, Margaret Mead, Melville Herskovits, Edward Sapir, Ludwig Woltmann, Johann Jakob Bachofen, Sir Edward Burnett Tylor, Henry Sumner Maine und Lewis Henry Morgan. Und natürlich auch Arthur de Gobineau und Houston Stewart Chamberlain. Und selbst Ferdinand Kürnberger und Peter Rosegger, Walt Whitman und Jules Verne. Buffalo Bill. Die Wiener Ethnologen um Pater Wilhelm Schmidt. Weniger bekannte Autoren wie Louis Agassiz und Henry Buckle. Und auch ganz bekannte wie Oswald Spengler. Und alle anderen auch.

Die Fortschrittsidee führt zu einem kultur- evolutionistischen Stufenschema: Die Entwicklung geht von den „Naturvölkern“ zu den „Kulturvölkern“. Ein Naturgesetz, das im Kleinen und im Großen am Werke sein und zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen sollte: einerseits als Appell zur Einheit des Menschengeschlechts, andererseits als Verweis der nichtzivilisierten Völker auf jene unteren Stufen, auf denen sie von den „Fortgeschrittenen“ beherrscht und erzogen werden müssen. Man nimmt rasch wahr, dass das Vorrücken der Zivilisation die „Wilden“ vernichtet, wie die amerika-
nischen Indianer, die Tasmanier und die Feuerlandindianer belegen. Aber da kann man nur die Schultern zucken, und die meisten taten es ohne schlechtes Gewissen: Völker niedrigerer Kulturstufe „unter die Erde civilisieren“, wie es damals in einer Zeitschrift hieß.

Die große Wende, weg vom starren Stufenschema, leitet Franz Boas ein. Der Wilde sei kein unfertiges Wesen, sondern ein „Vollmensch“. Diese Stämme seien nicht Vorgeschichte, sondern hätten eine „andere“ Geschichte. Diffusionsprozesse seien wichtig, Zufall spiele eine große Rolle. Das Einfache sei nicht notwendig das „Ältere“. Kultur sei prägend: Der „Wilde“ sprenge
sie nicht mit seiner Leidenschaft und der „Zivilisierte“ nicht mit seinem Verstand. Sitten und Gebräuche entstünden unbewusst, sie würden nachträglich rationalisiert. Alle Kulturen seien in ihrer Eigenart und in ihrem Eigenwert, in ihrer Mannigfaltigkeit zu sehen; und dies doch auf der Grundlage einer biologischen Gleichheit der Menschen, die alle rassistischen Theorien als Dummheit erweist. Weiler versucht, wissenssoziologisch die Anstöße für diese Sichtweise mit der peripheren Position des deutschen Wissenschaftlers Franz Boas in den USA in Verbindung zu bringen.

Jahre der Formierung moderner Wissenschaftsdisziplinen: Humanökologie, Völkerpsychologie, Sozialdarwinismus. Scharfe Auseinandersetzungen, denn noch hatten die Naturwissenschaften nicht jede Weltbildrelevanz abgestreift. Der „Wilde“ als der bessere Christ? Als „Sozialist“? Als „Antisozialist“?

Ein dickes – ideengeschichtliches, wissenssoziologisches und wissenschaftsgeschichtliches – Buch aus dem Nachlass eines jungen Wissenschaftlers. Etwas mehr als ein Jahr ist es her, dass der Autor im Al-ter von 35 Jahren auf seiner „Laufstrecke“ tot aufgefunden worden ist; ein niemals erkannter Herzfehler. Er hat an dem Buch viele Jahre gearbeitet. Es ist eine Fundgrube geworden, nicht nur als archivalisches Werk, sondern – wie man leicht amüsiert vermerkt – auch dienlich zum besseren Verständnis mancher Auseinandersetzungen der Gegenwart: über Evolution und Kreation, über Authentizität und Toleranz, über Vernichtung und Bewahrung. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2007)

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