Interview. US-Botschafterin Susan McCaw und Wirtschaftsminister Martin Bartenstein über den Marshallplan.
Die Presse: Ist den Österreichern zum 60-Jahr-Jubiläum des Marshallplans noch bewusst, welchen großen Beitrag dieses Programm zur wirtschaftlichen und politischen Entwicklung dieses Landes geleistet hat?
Martin Bartenstein: Würde man jetzt eine Umfrage machen, würden wohl nur sehr wenige Österreicher wissen, was ERP bedeutet. Am ehesten noch Unternehmer, die sagen würden, das sei eine Quelle für billige Darlehen. Ich glaube, nur eine kleine Minderheit würde antworten, dass es sich dabei um das European Recovery Programm handelt, das auf den ehemaligen US-Außenminister George C. Marshall zurückgeht.
Humanitäres Projekt
Zeit, diese Wissenslücke zu schließen.
Susan Mc Caw: Ich glaube, das 60-Jahr-Jubiläum ist eine gute Gelegenheit, darüber zu reden. Ich und viele andere Amerikaner sehen den Marshallplan als eines der größten jemals verwirklichten humanitären Projekte an. Ich sehe den Marshallplan nicht nur als Hilfe für einen vom Krieg zerstörten Kontinent, sondern als Investment. Ein Investment in Österreich und Westeuropa. Es hat 16 europäische Länder gegeben, die von ERP-Mitteln profitiert haben. Österreich ist – neben Deutschland – eines der Länder, die das Geld angelegt und „recycled“ haben. In der ersten Phase war die Hilfe zum Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur bestimmt. Dann wurde das Geld genommen, um die Wirtschaft mit niedrig verzinsten Krediten zu versorgen.
Was ist mit dem Geld denn konkret geschaffen worden?
McCaw: Es gibt kaum einen Bereich, von der Industrie über den Tourismus bis zur Landwirtschaft, der nicht von ERP-Mitteln profitiert hätte. Im Land stehen eine Reihe von Denkmälern für das ERP-Programm. Etwa das Kraftwerk Kaprun, die Brennerautobahn, die Voest. Vielfach ist der Öffentlichkeit gar nicht bekannt, dass das ERP-finanzierte Anlagen sind.
Bartenstein: Es gibt noch eine Reihe anderer Unternehmen, die sich ohne ERP-Geld nicht so entwickelt hätten. Das BMW-Werk Steyr zum Beispiel hat ebenso ERP-Geld bekommen wie der steirische Autocluster oder das Kärntner Infineon-Werk. Auch die Papiermaschine, von der heute das Papier der „Presse“ stammt, ist 1953 mit ERP-Hilfe angeschafft worden. Das heißt, der Marshallplan war für Österreich nicht nur Hilfe zur Selbsthilfe beim Wiederaufbau des Landes, das Geld, das 1962 in einen Fonds eingebracht worden ist, spielt auch heute noch eine wichtige Rolle für die Wirtschaft.
Eine Erfolgsstory. Sieht man das auch in den USA so?
McCaw: Österreich hat das Geld in einer sehr effektiven Weise eingesetzt. Aber lassen sie mich klarstellen: Das ist nicht mehr amerikanisches Geld. Wir haben zwar noch das Recht, Einsicht in die Mittelverwendung zu nehmen, aber 2007 unterscheidet sich von 1947 doch signifikant. Was Österreich jetzt macht, nämlich ERP-Mittel in den Bereich Innovation und Entwicklung zu lenken, ist eine gute Sache.
Bartenstein: Wir informieren die US-Seite im Sinne des „Counterpart Agreements“ natürlich immer noch, wenn wir neue Einsatzgebiete für ERP-Mittel finden. Etwa den vor kurzem geschaffenen Nationalfonds für Forschung. Aus dem ERP-Fonds kommt derzeit ein jährliches Kreditvolumen von 600 Millionen Euro. Das ist schon ein signifikantes Volumen für die österreichische Wirtschaft.
Der ERP-Fonds ist heute also wesentlich größer als zum Start im Jahr 1962?
Bartenstein: Die Amerikaner haben ab 1947 Güter im Wert von einer Milliarde Dollar nach Österreich geliefert. Diese wurden von Österreich verkauft – und davon ist dann 1962 ein Fonds von 11,52 Milliarden Schilling, das waren damals 400 Millionen Dollar, geblieben. Heute haben wir durch Zinsen und Rückflüsse fast drei Milliarden Euro im Fonds, der damit ein wesentliches Element der österreichischen Wirtschaftsförderung geworden ist.
Politisches Motiv
War das Hauptmotiv der USA zum Start des ERP-Programms ein eher wirtschaftliches oder doch ein politisches? Damals ist ja gerade der Kalte Krieg zwischen dem Westen und der Sowjetunion ausgebrochen...
McCaw: Das wirkliche Ziel des Marshallplans war es, den Europäern Hilfe zur Selbsthilfe anzubieten. Ihnen Mittel zu geben, ihr Land wieder aufzubauen. Das Geld ist ja auch osteuropäischen Ländern angeboten worden, aber die mussten im Gegensatz zu Österreich ablehnen. Das hat, wie man heute sieht, einen schönen Unterschied ausgemacht.
Also eine Wirtschaftshilfe mit dem politischem Motiv der Stabilisierung im Hintergrund?
McCaw: Das Ziel des Programms war eindeutig wirtschaftlich, aber politische Stabilität ist sicherlich ein Nebenprodukt des wirtschaftlichen Aufbaus.
Bartenstein: Das kann man auch in Osteuropa feststellen:Der Zusammenbruch des Kommunismus war ja in erster Linie ein wirtschaftliches Versagen. Die Demokratie und die politische Stabilität in Europa haben unzweifelhaft mit dem wirtschaftlichen Erfolg der alten und neuen EU-Staaten zu tun. George Marshall hat das 1947 noch nicht wissen können, aber er war optimistisch. Heute wissen wir, dass es funktioniert hat.
Wenn man sich die transatlantischen Beziehungen heute anschaut, hat man den Eindruck, dass dieser Zusammenhang zwischen der Nachkriegshilfe und der politischen Entwicklung Europas nicht mehr Allgemeingut ist.
McCaw:Die Beziehungen zwischen den USA und Europa sind weiterhin sehr stark, vor allem auf wirtschaftlichem Gebiet. Natürlich haben wir auch viele Differenzen, die größten derzeit über das Vorgehen im Irak. Ich glaube, wir können die Beziehungen verbessern, wenn wir gegenseitiges Verständnis durch den Austausch von jungen Leuten schaffen. Ich selbst habe einen Teil meiner Studienzeit in Europa verbracht, Minister Bartenstein war als Student in den USA. Das verbessert das gegenseitige Verständnis.
Bartenstein: Das Bild von der transatlantischen Kluft ist ein bisschen verzerrt. Wir reden ja nur über Bereiche, wo es nicht klappt. 99 Prozent unserer Handelsbeziehungen sind perfekt. Man muss sich vorstellen, dass 60 Prozent des Welt-BIP auf Europa und die USA entfallen und dass 40 Prozent des Welthandels zwischen der EU und den USA stattfindet. Das sind schon enge Verflechtungen.
Die aber in der öffentlichen Meinung so nicht wahrgenommen werden.
Bartenstein: Ich weiß, dass viele Österreicher jetzt Probleme haben, über ihre Freundschaft zu den USA zu reden. Das Marshallplan-Jubiläum wäre da nicht nur eine gute Gelegenheit, Danke zu sagen für die amerikanische Hilfe, sondern auch unsere Langzeit-Freundschaft mit Amerika in Erinnerung zu rufen. Wir waren in unserem Verhalten ja immer transatlantisch. Schon 1955 haben wir die Linie vertreten, dass wir Teil der westlichen Hemisphäre sind. Und daran hat es bis heute nie Zweifel gegeben.
Seit Jahren geistert die Forderung nach einem neuen „Global Marshallplan“ für die Dritte Welt durch die Öffentlichkeit. Ist der Erfolg des „Originals“ wiederholbar?
McCaw: Wenn wir für Marshallplanhilfe für Afrika oder Entwicklungsländer in anderen Regionen sprechen, dann muss man sehen, dass viele dieser Länder Hilfe dringend benötigen. Ein Land muss aber bereit sein für eine solche Hilfe zur Selbsthilfe. Es reicht nicht, Geld oder Güter zu schicken, diese Länder müssen auch bereit sein, sich selbst zu helfen und sich ökonomisch weiter zu entwickeln.
Bartenstein: Die Bedingungen im Nachkriegseuropa sind nicht vergleichbar mit der heutigen Situation. Der Dritten Welt wäre am meisten geholfen, wenn wir die Doha-Runde zur Welthandelsliberalisierung möglichst rasch zu Ende bringen. Da gibt es ja ein Beispiel: Die Öffnung zum Welthandel war die Erfolgsgeschichte der südostasiatischen Länder.
HILFE zur Selbsthilfe
Österreich hat die Milliarde Dollar, die im Rahmen der Marshallplan-Hilfe von den USA in die Alpenrepublik geflossen sind, sehr effektiv eingesetzt, sagt die amerikanische Botschafterin Susan McCaw im Gespräch mit der „Presse“.
Das 60-jährige Jubiläum des Starts der Marshallplanhilfe sei eine gute Gelegenheit, den Amerikanern „Danke“ zu sagen und die Langzeit-Freundschaft mit Amerika in Erinnerung zu rufen, meint Wirtschaftsminister Martin Bartenstein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2007)