Peter Donhauser, Technisches Museum Wien, präsentiert ein Buch über die Pionierzeit der „elektrischen Klangmaschinen“ in Deutschland und Österreich.
Was die rein musikalische Qualität des Hellertions betrifft, ließe sich nur sagen, dass die wildeste Negermusik weich wie Samt dagegen klingt; es ist eine so aufreizende, wüste Zwischentonmusik, dass Schönberg und Schreker wie süße Schlummerlieder dagegen klingen. Man tut wohl am klügsten, die Geschmacksentscheidung darüber unseren Erben auf diesem immer abenteuerlicher werdenden Planeten zu überlassen.“ So aggressiv äußerte der Schriftsteller Arthur Koestler sich in der „Vossischen Zeitung“ vom 11.Juli 1931 über ein Konzert bei der „Zweiten Tagung für Rundfunkmusik“ in München, bei der u.a. Paul Hindemith teilgenommen hatte, der Komponist, dessen Werke ab 1934 als „entartete Kunst“ Sendeverbot im deutschen Radio hatten.
Der Frankfurter Pianist Bruno Helberger hatte bei der Tagung sein „Hellertion“ vorgestellt, ein frühes elektromechanisches Musikinstrument. Solche Instrumente seien wichtig, schrieb er fünf Jahre später, da „der unserer heutigen Weltanschauung entsprechende instrumentale Ausdruck mit dem Bekenntnis zur Arbeits- und Blutgemeinschaft weder von der dogmatisch starren Klangwelt der Orgel noch von soldatisch-kriegerischen Instrumenten wie Pauken, Fanfaren und Trompeten noch auch von dem virtuosen Klangkörper unserer überlieferten Kunstmusik verkörpert wird“. Das war 1936, und die „heutige Weltanschauung“ war der Nationalsozialismus. Nach einigem Antichambrieren durfte Helberger beim Reichsparteitag in Nürnberg mitwirken.
Nach 1945 zog Helberger nach Österreich und baute dort eine Weiterentwicklung des Hellertions, das Heliophon. Es erklang in Produktionen von Schönbrunn-Film (z.B. „Wienerinnen“), Wien-Film (z.B. „1.April 2000“, wo es die Landung des Raumschiffs „futuristisch“ begleitet) und ORF. Und Helberger pries weiter das „Drängen“ der Musik „nach Neuem, noch nie Dagewesenem“, die „Anleihe bei jenen geheimnisvollen Kräften, die die Elektrizität in sich birgt“.
Sphärophon und Superpiano
Bruno Helberger ist nur einer der Pioniere der elektronischen Musik, deren Leben und Werk Peter Donhauser erforscht hat und nun in seinem Buch „Elektrische Klangmaschinen“ umfassend darstellt. Es widmet sich explizit der „Pionierzeit in Deutschland und Österreich“, wobei selbstverständlich auch in anderen Ländern wesentliche Entwicklungen der elektrischen Instrumente stattfanden. Das Besondere im deutschen Sprachraum war wohl, dass auf den neuen Instrumenten fast immer nur bewährte Musik gespielt wurde, von Händel-Arien bis zu „Der Schwan“ von Saint-Saëns, dass – auch vor der Machtergreifung der Nazis – kaum neue Musik dafür geschrieben wurde, im Gegensatz zu Frankreich, wo für die „Ondes Martenot“ („Martenot'sches Sphärophon“) viel komponiert wurde.
Nach 1933 schottete sich Deutschland auch in diesem Bereich zunehmend ab: 1936 fand etwa das letzte Konzert auf einem Theremin statt. Das 1920 von Lev Termen in St.Petersburg vorgestellte Instrument wurde von Jörg Mager – einem Pionier der elektrischen Musik, der sich später besonders vehement beim NS-Regime anbiederte – als „sowjet-jüdisches Gerät“ denunziert.
Lange blieb das Theremin – abgesehen von wenigen „Auftritten“, z.B. in „Good Vibrations“ von den Beach Boys – ein historisches Instrument. Erst in den letzten Jahren erlebt es mit seinem geradezu im Wortsinn ätherischen Singen und seiner faszinierenden Spielweise – mit den Händen in der Luft – ein kleines Comeback (etwa durch die Österreicherin Dorit Chrysler).
All die anderen Instrumente – Friedrich Trautweins „Trautonium“, Emerich Spielmanns „Superpiano“ (mit „Lichtton“, einer Kopplung von Tasten, Glühlampen und Selenzellen), Rudolf Stelzhammers „Magnetton“ (gebaut, um eine Krise im Klavier-Verkauf zu bekämpfen) usw. – faszinieren heute vor allem als Kuriosa aus einer Zeit, in der viele glaubten, das neue Medium Radio müsse eine eigene Form der Musik hervorbringen. Eine Musik, die befreit ist von den Zwängen der Mechanik und auch vom Halbtonsystem. Ein Motiv des frühen Jörg Mager war es, ein „Alltongerät“ zu erzeugen, für die damaligen Viertelton-Enthusiasten, die mit den zwölf Tönen Schönbergs nicht auskommen wollten. Hindemith bezeichnete Magers „Sphärophon“ als „geeignet, unser gesamtes Musikleben umzugestalten“.
Dabei hatten schon in der Weimarer (resp. Ersten) Republik etliche Exponenten der Elektroakustik weniger die (a)tonale Avantgarde im Sinn als neue, exotische Klangfarben für „klassische“ Musik oder, noch biederer, für bequemere Hausmusik. Dass die elektrischen und elektronischen Instrumente 20, 30 Jahre später, vor allem in Amerika weiter oder neu entwickelt, eine ganz andere musikalische Revolution, nämlich die der Rockmusik, anfeuern würden, hätte sich niemand träumen lassen. Immerhin: Die Ästhetik mancher deutscher Elektronik-Bands – v.a. „Kraftwerk“ – knüpfte an die frühe Zeit an, als man vom „Orchester der Zukunft“ schwärmte und noch ganz naiv ein Instrument „Euphonium“ nennen wollte.
AUTOR UND BUCH
Peter Donhauser, geb. 1948, studierte Mathematik, Physik und Chemie. Ausgebildeter Organist und Orgelbauer. War von 1997 bis 2000 Direktor des Technischen Museums Wien. Seit 2000 Sammlungsleiter u.a. der Musikabteilung.
„Elektrische Klangmaschinen“ (Untertitel: „Die Pionierzeit in Deutschland und Österreich“) ist im Böhlau-Verlag erschienen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2007)