"Lügen eines Maulhelden!"

(c) APA (Hans Klaus Techt)
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Fehde. Claus Peymann, ehemaliger Burg-Chef, nun Intendant des Berliner Ensembles, und Groß-Mime Gert Voss schenken einander zu Peymanns Siebziger kräftig ein.

Geliebt haben sie einander wohl nie, der wilde Claus Peymann und der ernste Arbeiter Gert Voss. Aber sie haben sehr erfolgreich zusammengearbeitet. Jetzt freilich gibt es Krieg zwischen dem ehemaligen Burgtheater-Direktor und jetzigen Chef des Berliner Ensembles (BE) und seinem einstigen wichtigsten Schauspieler. Anlass ist ein bereits Ende April in der „Berliner Zeitung“ erschienenes Interview mit Peymann, das Voss erst jetzt zugeschickt wurde.

Peymann veranstaltet darin einen seiner sattsam bekannten Rundumschläge: gegen Kritiker, „denen das Theater zum Hals raushängt“, Schauspieler, die er „rausschmeißt“, weil sie lieber Filme drehen oder bei Frank Castorf spielen wollen – und auch Gert Voss kommt dran: „Ich hatte sonst immer das Glück, die Peymann-Schauspieler mitzuziehen“, so der BE-Chef: „Aber die sind jetzt sozusagen auf Rente in Wien und bekommen eine Mordspension, Gert Voss zum Beispiel.“ Dieser ist nun stinksauer.

Voss droht Peymann mit Klage

„Dass Sie ein mittelmäßiger Regisseur geworden sind, ist nicht Ihre Schuld, schließlich frisst der Intendanten-Job die meisten auf, vor allem die Maulhelden. Dass sie Lügen über mich in der ,Berliner Zeitung‘ verbreiten, verzeihe ich Ihnen nicht – und das wird ein juristisches Nachspiel haben“, schreibt Voss in einem offenen Brief an Peymann: „Wie können Sie sich unterstehen, obwohl Sie die Fakten genau kennen, zu behaupten, ich hätte eine ,Mordspension‘ am Burgtheater, obwohl Sie wissen, dass ich keine Burgtheater-Pension bekomme. Auf Ihr Betreiben hin!, weil ich nach Berlin ans BE gegangen bin zu Peter Zadek 1996. Sie aber beziehen eine Burgtheater-Pension, eine deutsche Rente und eine Intendanten-Gage von über 200.000 Euro, mit der Sie in einem Interview geprahlt haben, dass Sie der teuerste Intendant in Berlin sind. Ich habe eine deutsche Rente von 800 Euro und eine österreichische Rente von 1300 Euro und bin gezwungen, lebenslang zu arbeiten. Dieses schäbige Verhalten von Ihnen entspricht Ihrer schriftlichen Bitte an mich, freiwillig zu kündigen nach einem medizinischen Eingriff am Herzen, weil eine Vorstellung ausfallen musste“, schließt Voss.

Peymann wird am 7.Juni siebzig. Seine Antwort: „Lieber Gert Voss, vielen Dank für deinen Brief zu meinem 70.Geburtstag, über den ich mich irgendwie auch gefreut habe. Beweist er doch, dass du deine große Leidenschaft fürs Theater noch nicht verloren hast. Immer schon hörten deine grandiosen Bühnenfiguren nicht am Bühnentürl auf. Sie hatten dich immer mit Haut und Haar besetzt und in deinem Herzen unablässig weitergearbeitet.“

Peymann: „Tobender Lear“

Und Peymann weiter: „So lebte auch der in seinem Wahnsinn tobende Lear und sein Zorn auf die ganze Familie in dir weiter und bescherte mir diesen Gruß. So fällt es mir auch leicht, deine Beschuldigungen und Beschimpfungen zu verzeihen. Außerdem weiß ich ja, wie gerne du Lear am Berliner Ensemble spielten wolltest. Heute freue ich mich sehr, dass du mit Luc Bondy und deinen Kollegen eine offenbar schöne und erfolgreiche Aufführung am Burgtheater herausgebracht hast. Gratulation! Claus.

„P.S.: Ich höre mit Verblüffung, dass du gar keine ,Mordspension‘ am Burgtheater bekommst – übrigens wie viele deiner Kollegen, die damals mit mir nach Wien gekommen sind. Das bedaure ich aufrichtig, denn du hättest sie wirklich verdient.“

Die deutschen Zeitungen kommentieren den Krach ironisch. Unter dem Titel „Streit über Lears Rente“ heißt es in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ („FAZ“): „Manchmal erfährt man einfach viel zu spät, worum es im Theater wirklich geht, ums Geld“ und: „Abgesehen davon, dass zwischen Voss und Peymann das Tischtuch länger schon zerschnitten ist und der Schauspieler zu glauben scheint, dem Regisseur allmählich zu viel verzeihen zu müssen, mutet es doch eher seltsam an, wenn Theaterkünstler, die wie Peymann gern den ,Rebellen‘ mimen oder wie Voss wissen möchten, ,wie man ein Geheimnis spielt‘, sich gegenseitig Renten und Gagen vorrechnen. So viel zu den wahren Hinter-, Ab- und Untergründen des Schaugewerbes“, schließt die „FAZ“.

Tagesspiegel: „Schmutzige Wäsche“

„Vor dem Ruhestand“ titelt nach einem Thomas-Bernhard-Stück der „Berliner Tagesspiegel“ und mahnt: „Abgesehen von der Schadenfreude, die das Waschen schmutziger Wäsche beim Publikum stets erregt, haben sich Peymann und Voss hoffentlich auch künstlerisch noch etwas zu sagen.“

Nach diesem Konflikt, der die brutalen Machtverhältnisse zeigt zwischen Intendant, Regisseur und Schauspieler (der die meiste Arbeit macht), wohl kaum mehr. „Die Abgründe der Seele verstecken sich oft in der Banalität des schnöden Mammons und die Alpha-Tierchen im Kulturbetrieb suchen die Öffentlichkeit in der Inszenierung ihrer selbst“, kommentiert ein „FAZ“-Leser.

SCHAUSPIEL: Claus & Gert

Claus Peymann (70) machte als Burgtheater-Direktor 1986–1999 Gert Voss (65) zum Star und Publikumsliebling. Voss spielte viele Hauptrollen, in Peymanns Regie etwa: Richard III., Macbeth, Prospero.

Große Erfolge hatte Voss auch mit Zadek („Der Jude von Malta“), Tabori („Othello“).

Bis Herbst will Peymann entscheiden, ob er seinen Vertrag am Berliner Ensemble über 2009 hinaus verlängern will. Die deutschen Theater setzen nach seiner Ansicht zu sehr auf Unterhaltung: „Das Trash- und Videoclip-Theater mit seinen Kurzfassungen großer Dramen führt zu Marginalisierung der Kunst und Zerstörung der Schauspieler-Persönlichkeiten.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2007)

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