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Justin Timberlake: König nur in Vösendorf

Nein, Justin Timberlake trennt sich nicht überhastet von seinem Dreiteiler.
Nein, Justin Timberlake trennt sich nicht überhastet von seinem Dreiteiler. (c) AP (Peter Morrison)
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Justin Timberlake präsentierte sich auch in Wien als Kompromiss-Kandidat für den Pop-Thron.

Wie wird sie aussehen, die Zukunft der Sexualität? Ja, das fragen sich Betroffene und nicht Betroffene gleichermaßen. Justin Timberlake, oft als „König des Pop“ apostrophiert (und daher wohl in beratender Funktion mit Fragen des Geschlechtslebens betraut), hat dazu auch etwas zu sagen: „And when it goes down“, singt er in „Futuresex/Lovesound“, dem Titelsong seines zweiten Albums, mit dezent angedeutetem Hecheln, „baby all you've got to do is...“

Drei Punkte, eine kleine anzügliche Fermate, verziert durch einen verschämt quäkenden Synthesizer: Solche Petitessen liebten zwei ehemalige Majestäten des Pop, der Mann, den sie Prince nannten, sowie Michael Jackson, der als König galt, zumindest so lange, bis eine Statue von ihm in Wien-Vösendorf errichtet wurde.

Nein, Justin Timberlake hat sich noch nicht bei Vösendorf in Stein meißeln lassen, wir wissen auch von keiner entsprechenden Absicht, er entzog sich sogar einem Golfturnier in Oberwaltersdorf, aber dass er seinen R&B (die Abkürzung stand einst für Rhythm'n'Blues, jetzt steht sie eher für Tagesbegleitradio) mit allen Mitteln in die Tradition der beiden Genannten – und damit in zweiter Ordnung in die große afroamerikanische Musiktradition – stellen will, das machten beide seiner Platten klar.

So klar, dass sogar etliche Pop-Exegeten der Verlockung der Affirmation nachgaben – und Timberlake das bescheinigten, was er unbedingt bescheinigt haben will: dass sich alle (zumindest „die Massen“) auf seinen angeblich „futuristischen“, in Wahrheit fast 1:1 aus den Achtzigern geholten Sound einigen können – und ihm somit der Thron zustehe.

Erstes mag stimmen, Zweites sicher nicht. Denn dafür reicht es nicht, konsensfähiger Kompromisskandidat zu sein, dazu bedürfte es irgendeines Images, irgendeiner Leidenschaft, die darüber hinausgeht, jedermanns Liebling sein zu wollen.

Er ist ja so dankbar!

Und das will er so dringend! Und er ist ja so dankbar! Wenn man sonst nicht viel spürte, das spürte man in den zweieinhalb Stunden seiner Show, in der er gleich zu Beginn, das „amazing Gulasch“ in Wien pries. Über „aufregend“ lässt sich streiten, aber das Wort „Gulasch“ charakterisiert den Klang gut: Sehr zerkocht hörte es sich meist an, sämig bis breiig. Vor allem die Unsitte, zwei Schlagzeuger parallel werken zu lassen, füllte die Luft mit ständigem Klingeln, dazu der übliche Kleister aus den Keyboards. Scharfes Stakkato – wie bisweilen auf Timberlakes zweitem Album, das klingt wie ein ermatteter Prince – wohnte keines in diesem Haus, in dem Väterchen Melodic Rock stets willkommen war, Cousin Hiphop natürlich auch: Das Intermezzo mit Produzent Timbaland war noch das Spannendste in diesem länglichen Konzert, das bei Schmachtsongs wie „Cry Me A River“ regelrecht zu zerfließen drohte.

Bei allem Schmachten, Charmieren nach allen Seiten auf der runden Bühne, Getue mit all den Tänzerinnen, Timberlake blieb stets anständig und höflich, behielt Weste und Krawatte an; überreizte Mädchen, die ihn oben ohne sehen wollten, mussten après ein Poster kaufen. Erst zum Abschied, endlich begleitet von der „Bittersweet Symphony“ der „Verve“ – auch Britpop-Fans muss man abholen, wo sie sind! – kam er im T-Shirt ans Klavier. Aber er war so dankbar!

PERSON: Justin Timberlake

In Memphis, Tennessee, ist er (1981) geboren, und er vergisst bei keinem Konzert zu erwähnen, welche Gnade es sei, von dort aus die Welt zu bereisen. Das tat er zunächst mit der Boyband 'N Sync, seit 2002 solo: „Justified“ (2002), „Futuresex/Lovesounds“ (06). Auch geschäftlich zeigte er sich an Musiktradition interessiert: 2006 kaufte er die Labels Sun und Stax.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2007)

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