"Die Wahrheit des Moments suchen"

APA (Roland Schlager)
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Dominique Meyer ist versiert in Oper, Ökonomie und Politik. Der Chef des Théâtre des Champs Elysées in Paris wurde auch sehr stark aus wirtschaftlichen Gründen zum Direktor der Wiener Staatsoper ab 2010 ernannt.

Sie müssen sich auf Anhieb verstanden haben: Der kunstsinnige Ökonom Dominique Meyer und die kulturinteressierte Ex-Bankerin und Kulturministerin Claudia Schmied. Die Staatsoper ist unter Ioan Holender zu über 90 Prozent ausgelastet und überaus erfolgreich. Doch zuletzt las man auch viel von Problemen. Das Geld reicht nicht. Die Subventionen der Staatsbühnen sind eingefroren.

Maßnahmen tun not. Die Hilfe aber kann nicht nur vom Staat kommen. Die schwarz-rote Koalition will steuerliche Förderungen für Sponsoren einführen. Meyer, Direktor des Pariser Théâtre des Champs Elysées (TCE), kennt knappe Kassen. Eine öffentliche Bank ist Besitzer und Mäzen der Bühne, die um einiges größer ist als das Theater an der Wien.

300 Vorstellungen in Paris

Die Bank gibt dem TCE fünf Mio € im Jahr, wovon eine Mio € als Miete rückerstattet wird. Damit müssen 200 bis 300 Vorstellungen im Jahr bestritten werden. Die Wiener Staatsoper erhält 51,4 Mio € jährlich vom Staat. Ein Repertoire-Theater ist teurer als En-Suite-Betrieb. Klar. Trotzdem muss Meyer Wien paradiesisch vorkommen.

Beim Telefonat wirkt der Elsässer freundlich, lässt sich aber nicht auf Konkretes festnageln, schwärmt lieber von Wien, Vermutlich ist er klug genug zu wissen, dass das notabene von einem Franzosen gern gehört wird.

„Es ist komisch. Ich bin wie üblich in meinem Büro. Ich kann es nicht fassen!“, meint Meyer auf die Frage nach seinem Befinden. Er müsse sich erst wieder einleben in die deutsche Sprache, kokettiert er. Dabei spricht er perfekt Deutsch, mit charmantem französischen Akzent. Er sei müde, bekennt er. Am Vorabend habe er mit dem Tenor Roberto Alagna gefeiert. Die Ernennung zum Staatsoperndirektor und Alagnas Geburtstag. Wie ist die Pariser Opernwelt? Was hält er von modernen Inszenierungen? Wie kam es, dass ihn die Philharmoniker so sehr lieben, dass Sie, die Schwierigen, die sich auch an Franz Welser-Möst nur langsam gewöhnten, ihn zum Staatsoperndirektor machten? Diplomaten-Sohn Meyer lässt alle Fragen auf sich einprasseln, antwortet sacht und ist vorderhand keiner, der Tatsachen schonungslos auf den Punkt bringt wie Ioan Holender.

Nicht zu viel reisen

Meyer: „Moderne Inszenierungen sind für mich kein wichtiges Thema. Man soll für jede Oper die Wahrheit des Moments suchen. Ich hatte vier ,Figaro‘-Produktionen, alle klassisch. Wir haben aber auch einen modernen ,Don Giovanni‘ gemacht. Man muss immer denken, was gewinnt man, was verliert man mit Modernisierung?“

„Die Pariser Opern-Begeisterung hat sich erst in den letzten Jahrzehnten entwickelt.“ Als Trouble-Shooter war Meyer an der krisenhaften Bastille-Oper im Einsatz. Der legendäre Kulturminister Jack Lang holte ihn als Berater.

„Wien hat eine lange Tradition als Stadt der Musik. Die Staatsoper ist ein Repertoire-Haus. Das soll sie bleiben. Plaudern kann man viel. Auf die Arbeit kommt es an. Die Staatsoper ist kein Spielzeug. Man darf nicht brutal sein, muss alles sorgfältig studieren. Welser-Möst ist ein Spitzendirigent, ein Österreicher und er ist nicht ständig in einem Flugzeug. Ich will, dass er in jeder Spielzeit 30 bis 40 Vorstellungen dirigiert. Das wird er tun. Man darf nicht Wiederaufnahmen ohne Vorbereitung auf die Bühne schmeißen. Das mit den Finanzen wird man sehen.“

„Ich habe Wien, diese wunderschöne Stadt, erst in den Achtzigern kennen gelernt, als Carlos Kleiber den ,Rosenkavalier‘ dirigierte. Ich war sofort begeistert. Die Philharmoniker! Der Wiener Klang!“ Meyers Vertrag in Paris läuft bis 2012: „Ich scheide vorzeitig aus. Ich fange sofort an zu planen.“ Meyer liebt Karl Kraus, Schnitzler, Joseph Roth, Stefan Zweig. Er mag Sport: Fußball, Rugby. Sein Sohn ist elf, die Frau war TV-Produzentin: „Die Familie freut sich auf Wien!“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2007)

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