Im Museumsquartier: Homers "Odyssee", dazu zwei neuere Beispiele für den Verlust der Familie.
Jugendgerecht, also geradlinig und zuweilen auch spannend, hat der niederländische Dramatiker und Regisseur Ad de Bont die „Odyssee“ des Homer zusammengefasst und um zwei Beispiele aus dem 20.Jahrhundert über den Verlust der Familie erweitert. Am Dienstag hatte sein Werk Premiere bei den Festwochen – in epischer Breite: Unter Regie von Klaus Schumacher spielten sieben Ensemblemitglieder des Deutschen Schauspielhauses Hamburg vier Stunden lang den Klassiker der Klassiker in drei Teilen.
Erst gab es in der HalleG des Museumsquartiers die Abenteuer des Odysseus (ernst und heldenhaft Hermann Book) in der Fremde, reichlich sind Menschenfresser und verführerische Zauberinnen auf drei Videoscreens zu sehen, dann musste sich das Publikum auf Wanderschaft machen; ein Teil sah in einem kleineren Saal „Haram“, die Geschichte einer marokkanischen Familie, ein zweiter „Desaparecidos“, die Geschichte eines argentinischen Waisenkindes, das von jenem Offizier adoptiert wird, der zuvor die Eltern gefoltert und umgebracht hat. Besonders in diesem Teil glänzen Book, Peter Meinhardt, Martin Wolf (sonst Odysseus' Sohn Telemach) und Maureen Havlena. Das ist mehr als ein politisch korrektes Rührstück – berührendes episches Drama unserer Tage.
Der dritte Teil bringt wieder alle in die HalleG zur Heimkehr des Odysseus nach 20 Jahren Krieg und Abenteuer. Wie im ersten Teil changieren die Schauspieler zwischen Erzählen und Darstellen, das ergibt reichlich versöhnliche Ironie. Die Götter halten sich auf der Bühne (Katrin Plötzky) meist in einer Wohnküche auf, die Menschen auf Felsen und unter einem Olivenbaum. Meinhardt spielt u.a. den schon etwas tattrigen Zeus, so wie Thomas Esser als sein streitlustiger Bruder Poseidon neigt er zur Übertreibung, wie das im Jugendtheater zuweilen üblich ist.
Schon genug gemordet!
Die richtige Mischung aus Scherz, Satire und tieferer Bedeutung finden die Frauen: Havlena als Gattin Penelope, als Geliebte Kalypso und als mädchenhafte Nausikaa, Julia Nachtmann als bezaubernde Athene und als Hoffräulein. Wunderbar leicht spielt auch Konradin Kunze u.a. den Hermes. Ein vergnüglicher Abend also, der in sicheren Gewässern endet, weder Skylla noch Charybdis sind in Rufweite. Auf den Mord an den Freiern verzichtet der gewaltige Dulder Odysseus. Es sei schon genug gemordet worden, meint der listige Heimkehrer. Man stirbt vielmehr an Erschöpfung und der Last des Alters.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.06.2007)