Wer hier offenen Auges radelt, entdeckt Altes: verschwiegene Meierhöfe, verschwundene Dörfer, versenkte Lacken, wiederangesiedelte Tiere und geöffnete Grenzen.
Unverbaute Kilometer trennen Dorf von Dorf. Das ist ungewöhnlich in Österreich, wo Agrarflächen so gerne umgewidmet und mit schmucken Eigenheimen aufgeforstet werden. Als Radfahrer mag man dieses von Alleebäumen flankierte Nichts. Richtig exotisch mutet es einen an, wo plötzlich auf Sichtweite die Zivilisation ausfällt und in meditativem Rhythmus Weingärten, Gemüsefelder, Hutweiden, Laubbaumraine, Schilfgürtel und Salzlacken vorbeiziehen.
Wenn man die Landkarte genau betrachtet, stößt man beim Zickzackradeln durch den Seewinkel, den angrenzenden Streifen Ungarn und hinauf auf die Parndorfer Heide immer wieder auf die Nachsilbe -hof, -major oder -puszta – es meint stets ein und dasselbe. Gerade beim Wort Puszta klingelt im Hinterkopf das Klischee: Steppe mit struppig-hartem Gras, romantische Ziehbrunnen, Hirten mit wolligen Begleithunden, die großhörnige Rinder in Schach halten, dachartige Schilfhütten, heißer Wind und wilde Reiter vor sich im Sonnenuntergang verlierenden Geigenklängen. Manches mag zutreffen, schließlich rollt man durch geschützte Nationalparkkulisse und tritt an Ziehbrunnen, Weiden, Lacken und neuerdings modern designten Schilfhauben-Unterständen vorbei.
Aber in Wahrheit bedeutet Puszta ganz ohne jede (Sozial)Romantik „eine dorfähnliche Anhäufung von Gesindewohnungen, Stallungen, Remisen und Getreidespeichern, die im Gegensatz zu einem Hof, auf dem ein bis zwei Familien lebten, hundert und zweihundert Familien unter ihren Dächern beherbergt“. So beschreibt es der ungarische Dichter Gyula Illyés in seinen eindrucksvollen Erinnerungen an „Die Puszta“.
Heu für die Verkehrsbetriebe
Überall in Nordburgenland und Westungarn stehen heute noch diese großen Meierhöfe, umringt von tafelartig angelegten Feldern. Sie liegen abseits, von Baumkronen versteckt und Einfahrt-verboten-Schildern abgeriegelt. Aber manchmal lockt einen der Weg vom schön markierten Radweg weg und direkt dorthin...
Die meisten dieser großen Höfe stammen aus dem 17. und 18. Jahrhundert, sie belieferten den Wiener Raum unter anderem mit Mastochsen und Heu – Sprit für Wiens Hauptverkehrsmittel: das Pferd. Um die riesigen Flächen zu bewirtschaften, wurden Landarbeiter meist aus Innerungarn herbeigeholt, die völlig abgeschottet vom Dorf auf dem Meierhof lebten.
Wer etwa gleich hinter der ungarischen Grenze bei Halbturn nach Albertkázmérpuszta – eine besonders große Anlage – kommt, erkennt, wie abgeschieden und armselig diese Menschen oft gelebt haben müssen. Zwischen den lang gestreckten Gesindehäusern, in denen sich oft mehrere Familien Küche und Zimmer teilten, stehen eine Kirche, ein Wasserturm, ein riesiger Speicher und ein Gutshaus für eine Herrschaft, die sich wenig blicken ließ.
Einige Meierhöfe werden noch landwirtschaftlich genutzt, freilich unter zeitgemäßen Bedingungen. Andere freuen sich über Besuch: Am Althof auf dem Radweg von Illmitz nach Frauenkirchen etwa gibt es Reitferien und Ausschank. Der Kleylehof zwischen Halbturn und Nickelsdorf wird von Künstlern bewohnt und während der „Konfrontationen“, dem Nickelsdorfer Freejazzfest, zur Außenstelle. Der Friedrichshof, längst entmühlt, ist heute ein Seminarhotel. Bei wenigen Meierhöfen kann man den einstigen Standort nur mehr erahnen: dort, wo die Bäume besonders dicht zusammenstehen.
Wasserspiegel mit Salzkruste
Ein Landstrich, der vor dem Radler so gemütlich flach daliegt wie ein Schneidbrettl, war früher vielem schutzlos ausgeliefert – Angreifern, Wirtschaftskrisen, den Elementen. Trägt man alle Orte, die zwischen Podersdorf und Andau, Nickelsdorf und Pamhagen je existiert haben, auf eine imaginäre Landkarte des Seewinkels ein, erscheint diese Ecke sogar recht besiedelt. Viele Dörfer, an die nur mehr ein Kreuz oder ein Flur- oder Vulgoname erinnert, wurden während des Türkenkrieges 1529 der Erde gleichgemacht. Manche Orte fielen schon im Hochmittelalter dem Wasser zum Opfer – auch dem Seewasser wohlgemerkt, denn auch der Neusiedler See hat seine Form geändert.
Uralt-Karten zeigen noch einen See mehr in Form eines Bumerangs. Dort, wo sich heute an der Grenze zu Ungarn das Niedermoorgebiet des Hanság erstreckt, befand sich eine Wasserfläche, die zunehmend verlandete. Der See wanderte in seine heutige Nord-Süd-Wanne, nicht ohne ständige Schwankungen: Der heftige Steppenwind konnte den Wasserspiegel bis zu 80 cm in Schräglage versetzen. Nicht einmal, sondern mehrmals trocknete der See aus und bereitete den Anrainern Augenleiden und Kopfschmerzen, wenn der Wind die Salzkruste aufwirbelte. Sollten sie den See zuschütten?
Lacken in der Versenkung
Zugeschüttet wurden schließlich nur einige Salzlacken. An die 40 gibt es heute noch – gegenüber noch 120 zur vorigen Jahrhundertwende, wie eine Karte des Nationalparks Neusiedlersee-Seewinkel zeigt. Die stark salzhältigen Wasserlöcher waren freilich im Weg, wenn es darum ging, die Anbauflächen zu erweitern. Die Lacken aber, die blieben, hat der Radfahrer ganz als Idylle für sich. Verschwunden sind auch die Windmühlen – fast jeder Ort im Seewinkel hatte eine, immerhin: die in Podersdorf ist erhalten und im Windpark in Zurndorf am nördlichen Horizont wachsen riesige Windräder nach.
Nicht alles, was verschwindet, ist ein Verlust: zum Beispiel die Einheitsspeisekarten. Auch in den einfachsten Lokalen im Seewinkel kommt Regionales auf den Tisch, Schinken vom Mangalitza-Schwein zum Beispiel oder Fleisch vom Graurind – beide Tierrassen wurden wieder angesiedelt. Im Bereich Sandeck-Neudegg trifft man auf weiße Esel, ein Projekt beschäftigt sich mit Przewalski-Pferden. Nur die Trappe lässt sich nicht blicken. Fast schon bereut man die lange Gerade, auf der man von Andau in Richtung Hanság und Einserkanal sticht. Bis an der Seite Kunstwerke auftauchen, die einem jüngste Geschichte – Ungarn 1956 – vor Augen führen.
NATIONAL GEPARKT.
Radeln im Seewinkel: Zahlreiche sich kreuzende Radwege. Aber auch auf den Güterwegen und Schotterstraßen abseits lässt sich viel entdecken.
Neu: Designrastplätze – werden am 16. 6. mit einer Sternfahrt eröffnet, gemeinsames Radeln mit Weltmeistern, Ziel: Podersdorf
Nationalpark: Viele Exkursionen; Infozentrum in Illmitz, T 02175/ 344 20, www.nationalpark-neu- siedlersee-seewinkel.at
Neusiedler See Tourismus:
T 02167/8600; www.neusiedler- see.com
Burgenland Tourismus:
T 02682/633 84-0, www.burgenland.info
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2007)