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Wenn Obdachlose in Internet-Cafés untertauchen

AP (Shizuo-Kambayashi)
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Japan. Wer es nicht in den gehobenen Mittelstand schafft, gilt als „fauler Nichtsnutz“.

TOKIO. Fünf Uhr morgens klingelt bei Akihiro Yamamoto der Wecker. Für den „Schachtelmann“ und seine Schicksalsgefährten auf dem Tokioter Umsteigebahnhof Shinjuku das Signal, aus den schmutzigen Decken herauszukriechen, um noch vor dem Massenansturm auf öffentlichen Toiletten wenigstens eine Katzenwäsche zu erledigen.

Diese Morgenübung zieht der 23-Jährige bisher ebenso konsequent durch, wie er seine Schuhe stets vor Betreten seiner Pappkartonbehausung auszieht. Spätestens um sechs muss der Obdachlose das Gewirr der weltgrößten U- und S-Bahnstation verlassen, um der täglich drohenden Polizeirazzia auszuweichen. Aber wohin?

Yamamoto kennt eine Fluchtburg, wo ihn die Ordnungsmacht noch nicht vermutet: ein Internet-Café, nicht weit vom Bahnhof entfernt. Der College-Absolvent kennt sich mit Computern aus und so fällt er unter anderen Jugendlichen kaum auf.


Web-Freaks mit Reisetasche

Es gibt in Japan zehntausende Obdachlose – aber niemand will sie zur Kenntnis nehmen. Sie gelten bestenfalls als Nichtsnutze, für die meisten sind sie sogar „menschlicher Abfall“.

Junge Obdachlose mit Computer-Kenntnissen nutzen die Chance, um in anonymen Internet-Cafés Asyl zu finden. Dort fallen sie nicht auf im Strom der Studenten, die hier ihre freie Zeit zwischen Vorlesungen und Seminaren verbringen. Von den anderen Web-Freaks unterscheidet Yamamoto sich maximal durch die große Reisetasche, in der er seine wenige persönliche Habe mit sich führt.

Die engen Räume, abgeteilt in schmale Nischen, sind anonym, sicht- und geräuschfrei abgeschlossen, und man muss keinen Ausweis vorzeigen. Für umgerechnet einen bis drei Euro pro Stunde gibt es Internet ohne Limit, Computerspiele und Kaffee, so viel man mag.


Platz für ein Nickerchen

Die mit modernen Computern ausgestatteten Cafés ermöglichen nicht nur den schnellen Zugriff auf das Internet und damit auch auf Stellenangebote für Gelegenheitsjobs. Sie stellen für die Cyber-Asylanten auch ein klein wenig Privatatmosphäre dar – und sei es nur der Platz für ein Nickerchen. Die komfortabelsten Läden sind sogar mit Mikrowelle und Dusche ausgestattet.

Yamamoto ist ein typischer Cyber-Obdachloser. Nach dem Studium konnte er in der ländlichen Heimat der Niigata-Präfektur keinen Job finden. So verließ er das schützende Elternhaus und versuchte, in Tokio sein Glück zu finden. Zu mehr als zum Überleben hat es jedoch bisher nicht gereicht. „Manchmal finde ich einen Aushilfsjob für umgerechnet sechs Euro die Stunde. Aber das Geld würde nie ausreichen, um auch nur eine Mini-Wohnung zu mieten“, sagt Yamamoto.

Er kommt nun schon ein paar Monate hier her und hat beobachtet, dass es ihm andere gleichtun. Aber niemand weiß genau, wie viele Japaner in den Cyber-Stuben übernachten oder ihre Tageszeit verbringen.

Die japanische Vereinigung von Spezial-Cafés hat in einer Umfrage unter ihren Mitgliedern ermittelt, dass rund 75 Prozent aller landesweit registrierten Web-Cafés auch Arme aufnehmen. „Sie sind keine normalen Obdachlosen, weil sie nicht völlig mittellos sind und wenigstens gelegentlich Arbeit finden. Bei uns finden sie wenigstens stundenweise ein Zuhause“, umreißt Café-Besitzer Kazumasa Adachi seine neue Klientel. „Da wird deutlich, wie sich unser Sozialsystem verändert. Es gibt plötzlich die working poor“, sagt Masami Takahashi, der ein Internet-Café betreibt. Auch das dichte Netz von Fastfood-Restaurants wird immer mehr zum beliebten Zufluchtsort.


„Mäc-Flüchtlinge“

„Mäc-Flüchtlinge“ nennt man in Japan jene Jugendliche, die sich stundenlang mit dem Kauf eines Hamburgers oder einer Cola das Sitzrecht an den Plastiktischen sichern. Das ist auch den Behörden nicht verborgen geblieben. Das Tokioter Ministerium für Arbeit und Wohlfahrt erstellt derzeit eine Feldstudie. „Wir müssen die Realität erfassen, bevor wir helfen können“, sagt ein damit befasster Beamter.

Das klingt für Yamamoto und seine Cyber-Brüder „äußerst besorgniserregend“. Obdachlose gelten in Japan als „sozialer Müll“, der von der Polizei regelmäßig wegen „illegaler Besetzung von öffentlichem Raum“ entsorgt – sprich: vertrieben wird.

Noch immer halten sich drei Viertel der Söhne und Töchter Japans für gehobenen Mittelstand in einem reichen Land. „Wer diesen Status nicht erreicht, muss einfach ein fauler Nichtsnutz sein“, beklagt Shinji Nakayama die gesellschaftliche Ignoranz und Gefühlskälte von vielen seiner Landsleute.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.06.2007)