Staatsopernchef Holender über seine Nachfolge, die Zukunft des Hauses und eine mutige Ministerin.
Die Presse: Die künftige Leitung der Wiener Staatsoper durch Dominique Meyer und Franz Welser-Möst hat viele Beobachter erstaunt. Was sagen Sie dazu?
Ioan Holender: Als mich Frau Bundesministerin Schmied gefragt hat, antwortete ich ihr, dass ich ihren Vorschlag hervorragend finde. Die Ministerin hat verantwortungsvoll, sachbezogen und mit der Zielsetzung für die Qualität des Hauses agiert.
Respekt! Für Bundeskanzler Alfred Gusenbauer kann Schmieds umsichtige Entscheidung nur positiv sein. Dominique Meyer ist ein kompetenter, erfahrener, internationaler Opernmanager und außerdem ist er fast auf den Tag genau 20 Jahre jünger und das ist gut so.
In manchen Boulevardzeitungen heißt es nun, Gusenbauers Wunschkandidat Neil Shicoff sei einer Intrige aufgesessen.
Holender: Was heißt denn Intrige? Warum sollte ein Kanzler nicht mit einem Sänger befreundet sein und mit ihm in die Oper gehen? Bundeskanzler Vranitzky war auch mit Harald Serafin befreundet, und er hat ihn auch nicht zum Staatsoperndirektor gemacht. Mit dem Gerede von Intrige diskreditieren sich die wenigen, die solch eine Entscheidung für Shicoff wirklich gut gefunden hätten. Es gab in der Tat Mitspieler in einer gewissen Liga. Meyer gehört dazu. Shicoff gehört bei all seinen Qualitäten als Sänger nicht in diese Liga.
Wissen Sie, was den Leiter dieses Hauses alles erwartet, was er alles kennen muss? Ein Sänger, der seinen Beruf ausübt, kann das gar nicht haben. Die kennen gar nicht alle täglichen Kleinigkeiten, aus deren Nichtbewältigung die Katastrophen entstehen und die Unzahl von Problemen der Technik, den Kollektivverträgen, mit der bizarren Konstruktion der Bundestheater, gegen die ich mich immer ausgesprochen habe. Shicoff, der noch ein paar gute Jahre als Sänger vor sich hat, sollte dem Schicksal danken, dass dieser Kelch an ihm vorübergegangen ist.
Hätten Sie 2010 gerne ein Jahr angehängt?
Holender: Ich wurde von Bundeskanzler Schüssel im Herbst gefragt, als es die neue Regierung noch nicht gab. Damals wie heute hielt ich die Lösung für die Staatsoper für äußerst dringend und hätte den Übergang geleistet, bei gleichzeitiger Bestellung des Nachfolgers. Davon war dann keine Rede, nichts ist geschehen, deshalb habe ich Frau Minister Schmied im Februar mitgeteilt, dass ich nach 2010 nicht mehr zur Verfügung stehe.
Ich bin noch immer froh über meine Entscheidung. Meyer wird es auch nicht leicht haben, weil es wirklich spät ist, das weiß er auch. Ich werde ihn in jeder Art und Weise unterstützen und ich gehe 2010 froh und hoch erhobenen Hauptes aus diesem Haus, wissend, dass es in exzellenten Händen ist. Ich bin zutiefst froh über diese Lösung.
Wollen Sie eine Bilanz Ihrer Ära seit 1991 ziehen, die längste in der Geschichte des Hauses?
Holender: Bilanz ziehen wir in drei Jahren, wenn ich gehe, das ist mehr, als so mancher Volksoperndirektor für seine ganze Ära gehabt hat. Es gibt noch ganz große Vorhaben. Viele davon werden mit dem Dirigenten Franz Welser-Möst durchgeführt. Er dirigiert immerhin noch fünf Premieren in meiner Amtszeit, davon das Opus Maximum der gesamten Opernliteratur, Wagners "Ring des Nibelungen" und die letzte Premiere meiner Amtszeit, "Tannhäuser".
Ich bin froh darüber, dass er in meiner weisen Vorausahnung am 30. Juni 2010 dasselbe Werk, mit dem Eberhard Waechter und ich begonnen haben, "Parsifal", zum Abschluss meiner Direktionszeit dirigieren wird. Danach wird er nicht nur nach Wien kommen, um zu dirigieren, sondern auch das Haus prägen, sich um die Sänger und natürlich um die Belange des Orchesters kümmern. Ich übergebe dieses Haus in einem exzellenten Zustand.
Es wurde von mir positiv bilanziert, die Auslastung liegt bei 97 Prozent, die Infrastruktur wurde ausgebaut, die Kinderoper auf dem Dach sowie die Opernschule für Kinder geschaffen. Wir haben ein absolut intaktes Ensemble, das Weltspitze ist, und das beste Opernorchester der Welt.
Wird sich langfristig etwas an der Wiener Spezialität Repertoire-Theater ändern?
Holender: Das Repertoire-Theater ist keine Wiener Spezialität, sondern in der gesamten deutschsprachigen und südosteuropäischen Kulturlandschaft die Basis und Essenz von Theater und Oper. Das einzige Problem des Hauses ist die Unterbezahlung der Mitglieder des Staatsopernorchesters und deren zu geringe individuelle Präsenz im Orchestergraben.
Da ich davon überzeugt bin, dass es der Regierung bewusst ist, was Österreich an dem gemeinsamen Vorteil, Wiener Philharmoniker und Wiener Staatsopernorchester hat, glaube ich, dass dieses Problem gelöst wird.