An der Uni Salzburg entsteht ein Nachschlagewerk über Wimpertierchen.
Wer je ein Maturatreffen organisierte, kennt die Verzweiflung, die einen befällt, wenn man die neuen Nachnamen inzwischen verheirateter Mitschülerinnen herausfinden will. Im Leben eines Forschers gibt es ganz ähnliche Situationen; Wenn sich der Name des untersuchten Tieres im Laufe der Zeit geändert hat, kann einem viel Literaturwissen entgehen, da man zwar alles über die Art X.Y. gesammelt hat, aber alle Publikationen zu X.Z. übersah – dieselbe Art. Sabine Agatha vom Institut für Organismische Biologie der Uni Salzburg kämpft dagegen an – bei einer Gruppe Einzeller, den gehäuselosen Oligotrichea. Diese „Wenighärchen“ sind vor allem im Meeresplankton die dominierende Gruppe der Wimpertierchen (Ciliata), von den 160 gut beschriebenen Arten leben 150 im Meer. Die Uni Salzburg gilt weltweit als Hot-Spot der Ciliaten-Forschung, rund um Wilhelm Foissner arbeiten viele Spezialisten an Wimpertierchen.
Bestimmung aus Vorkriegszeit
„Obwohl diese Tiere nur tausendstel Millimeter klein sind, haben sie eine enorme Bedeutung für das Ökosystem“, erklärt Agatha. Die Oligotrichea ernähren sich von einzelligen Algen. Da diese Meeresalgen für zirka 50 Prozent der Photosynthese unseres Planeten verantwortlich sind, ist die Bedeutung der Wimpertierchen als Abweider der „Algenwiese“ offensichtlich. „Angefangen habe ich mit Forschungen an Wimpertierchen im Eis der Arktis und Antarktis. An der Uni Hamburg habe ich dann Plankton-Wimpertierchen untersucht, die giftige Algen im Wattenmeer vertilgen. Solche Algen können ganze Muschelernten verderben“, erzählt Agatha. Dabei gingen unzählige Arten ins Netz, deren Bestimmung nicht einfach war. Der letzte Bestimmungsschlüssel für die Oligotrichea stammt noch aus der Vorkriegszeit.
Sabine Agatha versucht nun, die Wissenslücke zu füllen, und erstellt in einem FWF-Projekt eine umfassende Revision der gehäuselosen Oligotrichea. In den bisher 480 Seiten Textbeschreibung finden sich Querverweise zu allen publizierten Arbeiten über diese Wimpertierchen. Agatha stellt einfache Identifikationsmerkmale für jede Art zusammen, scannt Zeichnungen und Fotos ein und vereinheitlicht deren Beschriftung. Zum Gespräch mit der „Presse“ bringt sie mehr als 1000 Fotos und 2000 Zeichnungen mit. Sowohl antiquierte Zeichnungen (Entdeckung der Tiergruppe 1773) als auch moderne elektronenmikroskopische Aufnahmen tragen dazu bei, die Formenvielfalt zu illustrieren. – Wie erwähnt bestand die Schwierigkeit darin, herauszufinden, welche Arten unter verschiedenen Namen mehrmals beschrieben waren. Durch intensives Studium der Zeichnungen und Beschreibungen konnte Agatha viele Rätsel lösen und führt zu jeder Art eine Liste von synonymen Namen an. Dies kann in Zukunft bei ökologischen Untersuchungen zum Verständnis der Wechselwirkungen zwischen den Organismen beitragen: Gefundene Arten sind nun einerseits einfach zu bestimmen, andererseits sieht man, welche Namen dieses Tier schon hatte. So kann zum Verständnis der Ökologie der Art X.Y. auch die Literatur über die identische Art X.Z. beachtet werden.
Verteidigung mit Harpunen
Apropos beachten: „Diese Wimpertierchen finden wenig Beachtung in der Öffentlichkeit. Zwar kommen sie in jedem Wassertropfen vor, aber sie sind üblicherweise harmlos. Wären mehr Krankheitserreger in der Gruppe, würden die Medien mehr darüber berichten“, scherzt Agatha. Denn uninteressant sind die Oligotrichea nicht, spannend sind etwa ihre Verteidigungsmechanismen. Viele besitzen kleinste Harpunen, die dienen als Bestimmungsmerkmale, können aber nur im lebenden Tier untersucht werden. Bei der Fixierung und Färbung des Materials zur mikroskopischen Bestimmung sterben die Tiere, und die Form der Harpunen verändert sich. „Meine Revision ist die erste, die sowohl Lebendbeobachtungen als auch angefärbtes Material berücksichtigt“, berichtet die Forscherin.
Auch die Ernährung der Arten ist im Nachschlagwerk zu finden. Besonders interessant klingt hier die mixotrophe Lebensweise: Das Wimpertierchen behält die photosynthese-treibenden Bestandteile der gefressenen Algen in seiner Zelle und verwendet diese weiter, es lässt quasi den verspeisten Salat für sich arbeiten. Je nach Angebot an Nahrung und Licht schaltet es zwischen Fressen und Photosynthese um. Solche ökologischen Daten werden gemeinsam mit Daten über den bevorzugten Salzgehalt, die Vermehrungsraten und die globale Verbreitung der Tierchen in Agathas Buch greifbar.
„Das Buch ist zwar noch nicht heraußen, aber ich erhalte von verschiedensten Forschergruppen Anfragen zur Bestimmung problematischer Arten. Zusätzlich hat es sich herumgesprochen, dass ich Abbildungen und Beschreibungen sammle. Darum schicken mir auch viele Wissenschaftler direkt die Bilder ihrer neu beschriebenen Arten“, berichtet Agatha über den immensen Arbeitsaufwand dieses Projekts.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2007)