Dumme Debatte über Frauenrecht

„Feminismus lebt!“, rufen die einen. „Feminismus ist tot!“, schreien die anderen. Beides ist Unsinn.

Meine Großmutter war eine Bauerntochter aus Kärnten. Mit 18 floh sie vor ihrem strengen Vater nach Zürich und heiratete einen russischen Revolutionär. Sie gebar vier Kinder, die starben. Der russische Revolutionär ging zurück nach Russland. Die Großmutter kehrte heim nach Kärnten. Ein Polizist, der ihr mit dem Pass helfen wollte, schwängerte und verließ sie. Das fünfte Kind überlebte.

Meine Mutter. Die Großmutter, die sich in einem Substandardzimmer in Ottakring notdürftig mit Näharbeiten durchbrachte, gab meine Mutter zu Pflegeeltern. Das waren strenge katholische Leute. Sie schickten meine Mutter aufs Gymnasium und in den sogenannten Abiturientenkurs, wo sie Steno und Buchhaltung lernte. Meine Mutter war 15 Jahre lang Chefsekretärin eines Generaldirektors, bevor sie meinen Vater, einen Unternehmer, heiratet und mich bekam. Meine Geschichte ist bekannt. Das Wichtigste aber ist: Anders als meine Großmutter und meine Mutter kann ich als Alleinerzieherin und Journalistin gut leben...

Frauen haben die Wahl

Warum ich das erzähle? Weil mir das Gerede von Pro- und Kontra-Feminismus auf die Nerven geht. Wir drei Frauen, Großmutter, Mutter und Tochter, zeigen über ein Jahrhundert – und in teils schlimmen Zeiten – ganz deutlich die Fortschritte dessen, was man Feminismus nennt: Mehr Freiheit und mehr Geld. Natürlich bei weitem nicht genug! Das sagen die Statistiken. Die Männer haben noch immer die Macht und das Geld.

Aber die Frauen haben die Wahl: Sie können arbeiten, Kinder haben oder beides. Auch die Debatte ums Kindergeld ärgert mich: Natürlich sind 400 oder 800 Euro im Monat nicht viel. Aber es ist noch nicht lange her, dass das Karenzgeld 3500Schilling ausmachte und es nur die Frau beanspruchen konnte, die, wenn sie zu lange vom Job weg war, den Wiedereinstieg nicht mehr schaffte, trotz Sicherung des Arbeitsplatzes; übrigens eine Augenauswischerei bei dem Arbeitstempo und den Veränderungen in der heutigen Zeit. Man muss möglichst immer am Ball bleiben, wenn man einer anspruchsvollen Tätigkeit nachgeht.

Schwestern in der Dritten Welt

„Alice Schwarzer ist zu mächtig geworden“, sagt eine Studentin im „Spiegel“, der uns mit der Meldung erfreut, dass die „Alpha-Mädchen kommen“, während der „Falter“ titelt: „Her mit dem neuen Feminismus!“ Toll, wenn jetzt Frauen richtig gut ausgebildet sind, richtig Führungspositionen übernehmen, richtig große „Kohle“ scheffeln. Ich gönne es ihnen. Nur eines sollten die Mädels nicht vergessen: Sie sitzen auf den Schultern von Alice Schwarzer und deren Vorfahren. Schwarzer war nie sympathisch, aber effizient. Sie scheute nicht die Auseinandersetzung mit „Hosenträgern“, die damals noch richtige Betonschädeln hatten und keine halben Softies waren wie heute.

Auch sollten die forschen jungen Damen gelegentlich an ihre unübersehbar zahllosen Schwestern in der Dritten Welt denken, die keine Rechte, keine Ausbildung, keine Freiheit, kein eigenes Geld und nicht einmal die Pille haben – und wohl für alle Zeiten in der feministischen Steinzeit leben werden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2007)

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.