Wie alles Sichtbare in einem Meer aus Dunkler Materie und Dunkler Energie (zirka 96Prozent) schwimmt, so reist die vernünftige Erbinformation in einem Schutthaufen von „Junk-DNA“ (bis zu 97Prozent) von Generation zu Generation. Ein großartig melancholisches Weltgefühl, das uns die abenteuerlichsten Naturwissenschaften, Kosmologie und Genetik, derzeit vermitteln: nicht einmal mehr eine kopernikanische Kränkung, sondern Gleichgültigkeit der „Natur“ gegenüber dem, was wir als sinnvoll ansehen bzw. überhaupt ansehen können. Es ähnelt verblüffend dem (an sich eher vorwissenschaftlichen) Bild Freuds vom Bewusstsein als umtoster Insel im Meer aus Unbewusstem.
Der zweite Pfeiler dieses Weltgefühls kippt jetzt. Das „Encode“-Projekt (siehe Artikel rechts) hat, salopp gesagt, u.a. untersucht, in welchem Ausmaß die Information, die die DNA in unseren Zellkernen ja auf jeden Fall verkörpert (wie jede Abfolge aus Nullern und Einsern ist auch jede Kette aus vier Buchstaben/Basen per definitionem Information), tatsächlich verwendet, umgesetzt wird.
Ergebnis: Fast alles wird verwendet, fast alles hat Sinn, um nicht zu sagen: macht Sinn. Wahrscheinlich sogar die wie Gestotter anmutenden „repetitiven“ Passagen, diese Relikte von vorzeitlichen Viren-Angriffen. Wer im Sinn von Richard Dawkins die Junk-DNA als die wirklich egoistische DNA sah, die keine Anstalten macht, sich ins Genom-Ganze zu fügen (und damit dem Wohl des Individuums zu dienen), als Schwarzfahrer der Genetik, wird also enttäuscht. Sogar die schlimmsten repetitiven Outlaws werden mitunter gezähmt.
Dafür müssen wir uns (bzw. die Genetiker sich) mit einem Heer an mehr oder weniger kurzen RNA-Molekülen anfreunden, die durch die Zellkerne resp. Zellen schwirren, ab und zu miteinander oder mit anderen Molekülen in Wechselwirkung treten, da und dort ein wenig regulieren...
Ein Gewirr, gegen das die verworrensten „Biochemical Pathways“ alter Schule von klassischer Schlichtheit sind. Das Wort „Netzwerk“ ist ein Understatement, dennoch wird es hier eine weitere Inflation erleben. So wie das Wort „komplex“, das ja im Vergleich zum Geschwisterwort „kompliziert“ Hilflosigkeit auf höherem Niveau ausdrückt. Auch die „Emergenz“ wird wohl auftauchen, sie ist ja auch Generalthema des heurigen Alpbach-Sommers. Auf Englisch übrigens („emergence“), was vielleicht die Assoziation mit der etymologisch verwandten „emergency“ wecken soll.
Und wen ruft man in den „Emergency Room“, wenn das Netzwerk zu verknotet ist? Eher nicht die Philosophen. Die kommen von selbst, zumindest die, die gern triumphierend skandieren: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile! Was erstens eine Trivialität ist (es kommt ja jedenfalls das Bindewort „und“ dazu, man weiß nur nicht immer, wie stark es bindet). Zweitens einem Aufgeben gleichkommt, so wie das müde Wort eines einstigen Kanzlers, dass alles so kompliziert sei.
Nein, wer in dieser Wirrnis (vielleicht) noch helfen kann, sind Mathematiker, deren Geschäft die Entwirrung ist. Der „emerging market“ namens Mathematische Biologie wird noch heißer. Vorsichtige Voraussage: Könnte sein, dass sich auch in Maria Gugging ein Platz dafür findet.
thomas.kramar@diepresse.com("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.06.2007)