Vom Wunderwuzzi zum Watschenmann

Alexander Wrabetz hat viel riskiert und – zu – schnell entschieden. Konsequenzen hat er nicht zu fürchten.

Keine Pressekonferenz. Nur eine Aussendung. ORF-General Alexander Wrabetz ist unüberhörbar leiser geworden. Bezeichnenderweise war die Pressestelle der ORF-Enterprise (sie ist für die ORF-Werbung zuständig, die wegen der schwachen Quoten unter Druck ist) Absender der gar nicht so unbedeutenden Nachricht: "Aus für ,Mitten im 8en`", hieß es eher lapidar.

Begründung des ORF-Chefs: Der Erfolg der ersten eigenproduzierten Daily des ORF beim Publikum sei "deutlich unter den Erwartungen" geblieben - und der ORF habe sich "einer massiven öffentlichen und veröffentlichten Kritik" gegenüber gesehen. Man wolle den "negativen Imagefaktor" für den ORF nicht riskieren. Also werden die WG-Bewohner aus dem Achten in die Wüste geschickt - und Wrabetz sendet stattdessen eine US-Serie.

Mit dem Ende von "Mitten im Achten" trägt Wrabetz gerade das "Herzstück" der Programmreform zu Grabe. Die Geschäftsführung hat sich von dieser Formulierung beim ersten Blick auf die mageren Quoten aber rasch wieder verabschiedet. Dabei wollte sie in "MiA", wie das Format bei der klein gebliebenen Fangemeinde genannt wird, immerhin zwei Drittel der Gesamtkosten der Programmreform investieren (offiziell sind es 6,5 von zehn Millionen Euro).

Dass ausgerechnet dieses Format - die erste eigenproduzierte Daily des ORF - derart floppte, ist mehr als nur eine Niederlage. Es ist eine Zumutung für den Zuschauer, der sich für diese im Schnellverfahren aus dem Boden gestampfte Sendung nicht interessiert - sie aber mit bezahlen muss.

Damit bleibt die Kernzone der TV-Programmreform weiterhin eine Baustelle, auf der ein riesiges Loch gen Himmel brüllt. Von der in Aussicht gestellten Stärkung des Vor- und Hauptabends, vom Mehr an Eigenproduktion in der wichtigsten Sendezeit, von der erhofften Steigerung des Interesses der jungen Zielgruppe am ORF - so gut wie keine Spur.

Immerhin hat Wrabetz für "Mitten im Achten" die Durchschaltung der "ZiB" aufgegeben. Eine mutige Entscheidung. Nur: Hätte er gleich verkündet, das zu tun, was er nun nach dem Ableben von "MiA" machen will - nämlich eine eingekaufte US-Serie gegen die "ZiB" zu programmieren -, es hätte einen lauten Aufschrei der Empörung gegeben (von SOS ORF zumindest hätten wir es erwartet).

Wenn schon keine "ZiB"-Durchschaltung, dann darf sich der der zwangsbeglückte Gebührenzahler doch bitte ein dem Öffentlich-Rechtlichen würdiges Kontrastprogramm erwarten. "MiA" war das auch nicht - aber das hat ja vor dem ersten Erscheinen keiner gewusst. Nicht einmal der Stiftungsrat.

Ein Manager in der Privatwirtschaft würde in einer solchen Situation die Verantwortung, die er zu tragen hat, auch zu spüren bekommen. Wrabetz hat sie zwar übernommen, zu spüren bekommt er vorerst nur die Schelte _ und das ist ihm offenbar schon zu viel. Er stellt sich stets schützend vor seinen Programmdirektor Wolfgang Lorenz, der auch die Fehlentscheidung zu verantworten hat, dass auf ORF2 die Wiederholung der Serie "Julia" am Vorabend durch eine leicht adaptierte Version von "Willkommen Österreich" ersetzt werden musste.

Nicht zu vergessen das "Extrazimmer" - immer lauter wird der Ruf, Informationsdirektor Elmar Oberhauser möge sein Alternativkonzept (die "Club 2"-Möblage steht sogar in seinem Büro) probieren dürfen. Dazu gesellt sich in Stiftungsratskreisen der gute Tipp, man möge doch lieber mehr Geld in eine ausführlichere, breitere, informativere "ZiB" stecken, als derart kostenintensiv mit der Unterhaltung zu experimentieren.

Wrabetz galt beim Amtsantritt als Wunderwuzzi in der Chefkabine, der den trägen ORF-Tanker mit viel Dynamik und raschen Richtungsentscheidungen am Steuerrad in eine bessere Zukunft steuern sollte. Er hat viel gewagt. Vor allem hat er es schnell getan. Zu schnell, wie sich jetzt herausstellt. Plötzlich heißt es: "Auf Basis umfangreicher Marktforschung und genauer Analyse der Marktsituation ist die Wahrscheinlichkeit zu groß, dass das Format ("Mitten im Achten", Anm.) auch in absehbarer Zeit nicht den gewünschten Erfolg haben wird..."

Warum eigentlich erst jetzt? Warum hat man sich für solche Untersuchungen nicht schon vorher Zeit genommen? Nichts und niemand hat Wrabetz dazu gezwungen, die Programmreform unbedingt schon im April zu starten, statt - wie international üblich - erst im Herbst. Viele Fehlentscheidungen haben den Wunderwuzzi zum Watschenmann werden lassen. Im Herbst plant Wrabetz den zweiten Reformschritt. Ein Risiko - aber auch eine Chance.

meinung@diepresse.com

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