Wiener Festwochen: Shrek lass nach!

„Die Zauberflöte“ als satirisches Puppentheater im Wiener Schauspielhaus. Hinreißend.

Mozarts „Zauberflöte“ ist für viele der erste Kontakt mit Oper. Gegen Kindheitserinnerungen ist schwer anzukommen. Man hat stets das Gefühl, so wie damals, beim ersten Mal, als Papageno sein „Mädchen oder Weibchen“ suchte und Pamina um ihren Prinzen litt, wird es nie wieder sein.

Trotzdem versucht man es natürlich immer wieder mit der „Zauberflöte“, weil sie so wunderbar ist. Vielleicht greifen auch die Interpreten aus diesem Grund so oft zu dem Stück, das in den letzten Jahren (Mozart-Jubiläum) in Wien und Salzburg zu sehen war. Sie wollen sozusagen den „Zauberflöten“-Berg erklimmen. Dementsprechend angestrengt ausgedacht, konstruiert und überfrachtet sieht die Sache dann oft aus.

Genial einfach gemacht hat es sich dagegen die deutsche Truppe Tristans Kompagnons mit ihrem Bearbeiter Marcus Maria Reißenberger. Die Gruppe hat sich u.a. mit einem originellen „Macbeth“ einen Namen gemacht: Puppenspieler will „Macbeth“ aufführen, Kasperl, Gretel & Co. dürfen nicht mitmachen und proben den Aufstand... Die „Zauberflöte“, die nun bei den Festwochen im Schauspielhaus gastiert, heißt: Nach Mozart. Mit philosophischen Betrachtungen über Weltverbesserung und Freimaurerei hat man sich nicht aufgehalten, setzt stattdessen eine Satire auf die Bühne, die wenig romantisch, aber sehr witzig ist.

Die Puppen (Joachim Torbahn) erinnern an „Shrek“, den Oger-Helden von Dreamworks, den die Kinder so sehr lieben. Anscheinend profitiert das gute alte Marionettentheater von den computeranimierten Figuren der Filmindustrie, so zu Tode kommerzialisiert sie auch sein mögen.

Von der Ekstase in den Käfig

Torbahns Kreationen sind so skurril wie „Shrek“. Manche erinnern auch an Picasso. Tamino hat verrutschte Augen, Papageno einen Vogelkopf, Monostatos ist ein schwarzes Krokodil und der asketische Sarastro mit Glotzaugen knallt Stoffbären ab. Gemein!

Im Isis&Osiris-Reich geht es zu wie in anderen Weltmächten auch. Man spuckt edle Töne. Tatsächlich regiert Gewalt. Das Reich der Finsternis und das Reich des Lichts, die bei Mozart miteinander kämpfen, werden als unterschiedliche, aber eher niedere Ausprägungen eines Generationskonflikts enttarnt. Tamino und Pamina erscheinen als „Romeo und Julia“. Die Alten lassen sie nicht aufkommen, erfinden dauernd neue Prüfungen. Nähern sich die Liebenden einander, kommen sofort die Wächter, massenhaft, Gold behelmt, bewehrt. Die Königin der Nacht ist eine böse alte Hexe. Herr Sarastro singt erst Paminchen („In diesen heiligen Hallen“) in den Schlaf, dann lässt er das Gitter herunter. Gitter spielen überhaupt eine große Rolle. Auch Papageno und Papagena führt die Liebe von der erotischen Ekstase schnurstracks in den (Vogel-)Käfig.

Zu erleben ist diese „Zauberflöte“ sowohl live als auch via Bildschirm. Feuer brennt. Donner hallt. Puppenschöpfer Torbahn und sein Kompagnon Tristan Vogt wechseln emsig Folien, Puppen, Dekoration, sprechen den Text. Vollständig zu bewundern aber ist der Countertenor Daniel Gloger, der mit viel dramatischem Aplomb und beredter Mimik sämtliche Arien zum Besten gibt und dabei die Puppen manchmal glatt aussticht.

Auch das Orchester-„ensembleKONTRASTE“ ist multifunktional unterwegs und singt gelegentlich die Chöre. Dies ist tatsächlich eine „Zauberflöte“, bei der man die Kindheitserinnerungen vergessen, sich aber trotzdem kindlich gruseln ebenso wie köstlich amüsieren kann. Das Publikum jubelte. (Bis 17.6., Dauer: 1.20h, ? 589-22-22.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.06.2007)

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