Dominique Meyer über seine Staatsopern-Pläne, Shicoff und Politik.
Die Presse: Ioan Holender hat gesagt: „Dominique Meyer ist nicht so ein Tyrann wie ich und auch kein Egomane wie Alexander Pereira.“ Eine treffendes Charakterisierung?
Dominique Meyer: Das ist eher eine Formel. Ich stelle mich nicht in den Vordergrund, dort sollen die Künstler sein. Tyrann bin ich keiner. Ich bin mehr für die Zusammenarbeit mit einem Team.
Die Staatsoper ist eines der letzten funktionierenden Repertoire-Häuser im Musiktheater. 50 Opern im Repertoire, wird sich das halten? Die Subventionen steigen kaum mehr.
Meyer: Für mich ist die Staatsoper ein Repertoire-Haus. Das soll sie bleiben. Ich glaube, es ist auch haltbar. Ob man 45 oder 50 verschiedene Opern hat, wird man sehen.
Suchen Sie einen neuen Geschäftsführer?
Meyer: Nein. Ich habe immer so gearbeitet, dass ich, wenn ich in einem neuen Theater ankomme, die Leute achte, wie sie sind. Und ich weiß, dass sie hier hervorragend sind. Sie werden bleiben.
Was planen Sie für das Ballett? Wird es einen neuen Ballett-Chef geben?
Meyer: Das weiß ich noch nicht. Was die Planung betrifft: Jede Generation hat das Recht, „Schwanensee“ oder „Romeo und Julia“ zu sehen. Klassisches Ballett muss sehr schön gemacht sein, sonst geht es schief. Ich könnte mir vorstellen, dass wir die Ballette zeigen, die Picasso für Serge Diaghilew entworfen hat („Le Tricorne“, „Pulcinella“), dann Arbeiten aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Und natürlich wird es auch Uraufführungen geben.
Wie wollen Sie den Spagat schaffen zwischen modernen Inszenierungen und der Notwendigkeit, die hohe Auslastung von Ioan Holender, über 90 Prozent, zu erhalten? Opern-Museum ist schließlich auch etwas Schönes. Oder sind Sie mehr auf der Linie Lissner, Mortier?
Meyer: Mortier und Lissner sind Freunde von mir. Man muss aber immer bedenken, dass eine Neuproduktion eine Investition für Jahre ist. Das sollten keine Werke sein, die man nur fünf oder sechsmal spielen kann. Wichtig ist für mich, dass man die Vorlage so dechiffriert, dass sie ein Kind mit 10 versteht, aber auch Leute mit hoher Bildung. Wenn man z.B. „Figaro“ aus der Zeit schiebt, verliert man zu viel: die vorrevolutionäre Atmosphäre, auch den Konnex zur erotischen Literatur des 18. Jahrhunderts.
Werden Sie Barockoper machen?
Meyer: Ich denke an „Orfeo“, die erste wichtige Oper. Generell möchte ich einfach Türen öffnen. Nicht brutal, nicht alles ändern, aber einen Schritt hier und einen Schritt da.
Es gibt Oper in Salzburg, bei den Festwochen und im Theater an der Wien. Wird es da nicht zu Konflikten kommen?
Meyer: Auch in Paris gibt es mehrere Opernhäuser: Châtelet, Bastille, Garnier, Théâtre des Champs Elysées. Alle sind immer voll. Man muss zusammenarbeiten, und so werden wir das auch in Wien machen: Einen schönen Blumenstrauß binden. Ich habe Roland Geyer gestern schon getroffen.
Sind die Franzosen ein so leicht erregbares Opern-Publikum wie die Italiener?
Meyer: Kommt drauf an. Manchmal sind sie zufrieden, manchmal buhen sie. Das wird dann eine Mode. Dann vergessen sie wieder, dass man buhen kann. Die Frage, ob modern oder nicht, ist Vergangenheit. Das ist kein Thema mehr. Man muss nah an das Werk heran, darauf kommt es an.
Es gibt ein paar alte Hadern hier im Repertoire, „Tosca“ z. B. Werden Sie die entfernen?
Meyer: Sicher muss man einiges renovieren. Aber manche Inszenierungen sind sehr schön. „Rosenkavalier“ würde ich nie wegschmeißen. Ich möchte, dass Otto Schenk seine Inszenierung selbst erneuert.
Welche Sänger werden Sie engagieren? Natalie Dessay, Anna Netrebko? Ob Rolando Villazón wieder aus seinem Formtief auftaucht?
Meyer: Mal abwarten Dessay, Netrebko. Natürlich. Roberto Alagna, Magdalena Kozená.
Ist Christian Thielemann sauer, dass er nicht Musikdirektor geworden ist? Wie ist es mit Neil Shicoff? Haben Sie mit ihm geredet?
Meyer: Thielemann wird kommen, ich habe mit ihm gesprochen, auch mit seinem Agenten. Die Geschichte mit Shicoff macht mich traurig. Ich mag ihn sehr. Ich habe viel Respekt. Ich hoffe, dass er noch große Erfolge an der Staatsoper feiern wird. Gesprochen habe ich aber noch nicht mit ihm.
Wir Journalisten sagen unter uns: Der pointierte, politische und polemische Ioan Holender wird uns abgehen. Werden Sie nie zornig?
Meyer: Wenn ich zornig werde, spreche ich immer leiser. Ich fühle mich als Gast in diesem Land. Ich würde mich nie in Politisches einmischen. In Frankreich ja. Hier nicht.
KURZ–BIO. Dominique Meyer
Der gebürtige Elsässer (51) studierte Wirtschaft. Er leitete Opernhäuser in Lausanne und Paris, war Berater der Kulturminister Edith Cresson und Jack Lang, drehte Filme, unterrichtete Ökonomie an der Universität. 2010 folgt Meyer Ioan Holender (71) als Direktor der Wiener Staatsoper.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.06.2007)